Die Auswanderung nach Algerien

Ähnlich wie die Auswanderung der Rheinland-Pfälzer nach Australien und Spanien  ist auch die Algerienauswanderung zahlenmäßig von eher untergeordneter Bedeutung. Im Wesentlichen fand die rheinland-pfälzische Algerienauswanderung in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts statt. Dabei lassen sich zwei verschiedene Begleitumstände dieser Auswanderungsbewegung unterscheiden. Beim ersten handelte es sich um eine gezielte Wanderungsbewegung nach Algerien, die vor allem durch ein Werben der französischen Regierung zustande kam, während es sich bei der zweiten um ein einzelnes, aus der Not geborenes Unternehmen handelte. Gleichwohl wirft dieses zweite Projekt ein bezeichnendes Licht auf die Not mancher Auswanderer und die fehlende Koordination der Auswanderung durch beteiligte Regierungen. Im Zentrum steht dabei die Gründung der beiden Kolonien „La Stidia“ bzw. „La Stidia“ und Sainte Léonie, jeweils östlich von Oran. Zunächst soll allerdings die Kolonie Algerien kurz vorgestellt werden. Im dritten und vierten Kapitel wird die rheinland-pfälzische Auswanderung anhand der beiden Unternehmen präsentiert werden.

1. Die Eroberung Algeriens

Seit der gescheiterten Expedition Napoleons nach Ägypten Ende des 18. Jahrhunderts war das Augenmerk Frankreichs unter anderem auch auf die arabische Welt gerichtet. Jedoch existierten vor 1827 keine Pläne, Algerien zu erobern. In diesem Jahr kam es im Zuge einer Getreidelieferung des Deys von Algier, Hussein, nach Frankreich zu einer diplomatischen Verstimmung, in deren Verlauf der Herrscher von Algier dem dortigen französischen Konsul einen Schlag versetzte. Es kam zu einer Blockade Algiers, jedoch noch nicht zu einer Eroberung. Diese Eroberung, die 1830 erfolgte, hatte weitgehend innenpolitische Gründe. Da die monarchistische Regierung Karls X. zunehmend von liberalen Kräften in Parlament und Presse unter Druck gesetzt wurde, hoffte man, diese durch einen außenpolitischen Erfolg zum Schweigen zu bringen. Diesen Erfolg versuchte man in Algerien zu erringen. Algier wurde nach der Landung von 40000 Soldaten am 14. Juni 1830 auch am 5. Juli erobert, doch hatten die Monarchisten inzwischen die Wahlen verloren, und ein gescheiterter Staatsstreich Karls X. löste einen Aufstand aus, der seiner Herrschaft ein Ende setzte. Die neue parlamentarische Monarchie des „Bürgerkönigs“ Louis-Philippe musste nun entscheiden, was mit dem eroberten Gebiet geschehen sollte. Ein klarer Plan war dabei jedoch lange nicht erkennbar. Teile der einheimischen algerischen Bevölkerung – hier ist vor allen Dingen Abd el-Kader zu nennen – leisteten zudem von Anfang an starken Widerstand gegen die Fremdherrschaft. Erst 1834 entschied sich Frankreich für eine beschränkte Besetzung einiger weiterer wichtiger Küstenstädte, wobei das Landesinnere den lokalen algerischen Gruppen und Stämmen überlassen wurde. Dieser Zustand hielt jedoch nicht lange an. Bis 1839 wurden weitere Teile des Landes erobert, wobei ein Gesamtplan nicht erkennbar war. 1839 jedoch entschied man sich für eine vollständige Besetzung. Bis 1847 hatten die Franzosen einen fast 300 Kilometer breiten Küstenstreifen unterworfen.[Anm. 1]

2. Die frühe Kolonisation bis 1848

Bereits kurz nach der Eroberung Algiers waren europäische Siedler in das eroberte Gebiet gekommen, darunter Engländer, Spanier, Italiener, Deutsche, Portugiesen, Schweizer, Belgier, Griechen, Russen und Franzosen. In den Folgejahren schritt, wie erwähnt, die Eroberung des Landes weiter voran. Wie aber sollte die Kolonie genutzt werden? Zunächst einmal war die Ansiedlung letzterer Gruppe, der Franzosen, erwünscht, um die französische Herrschaft über die zahlenmäßig überlegene einheimische Bevölkerung zu sichern. Allerdings war die Anwerbung im Mutterland in der Anfangszeit wenig erfolgreich.[Anm. 2] Deshalb wurde in den 1840er Jahren auch in den Nachbarstaaten Frankreichs geworben – unter anderem in Preußen. Die Deutschen, ebenso wie die Schweizer, seien bei der Anwerbung wegen ihrer Arbeits- und Ordnungsgewohnheiten[Anm. 3] zu bevorzugen, hatte die „Commission d'Afrique“ bereits 1834 geschrieben, da Siedler aus Südeuropa Quelle moralischer und sozialer Unruhen seien.[Anm. 4]

Gesucht wurden, der kolonialen Ideologie der Zeit folgend, in der Anfangszeit vor allem erfahrene Bauern. Zahlen von 1846 zeigen aber, dass dies wenig erfolgreich war. 1846 befanden sich unter den 109400 Europäern in der Kolonie nur 16422 Personen, die von der Landwirtschaft lebten. Das Leben auf dem Land war zunächst auch wenig attraktiv, vor allem vor dem Hintergrund des andauernden Eroberungskrieges, der unsicheren französischen Kontrolle und der besseren Bezahlung in den urbanen Zentren.[Anm. 5] Zur besseren Steuerung der Einwanderung wurde von Neuankömmlingen schon 1830 ein Pass  und eine Aufenthalts- bzw. Niederlassungserlaubnis gefordert, wobei die Verwaltung die Einwanderung aufgrund der langen Küsten nur schwer kontrollieren konnte. Immerhin war ab den 1840er Jahren die Ankunft der Einwanderer besser organisiert. Diese wurden nach ihrer Ankunft in „dépôts d'ouvriers“ untergebracht, bis sie eine Arbeit gefunden oder eine Konzession für ein Stück Land erhalten hatten. Falls die Depots allerdings überfüllt waren, mussten die Einwanderer unter freiem Himmel campieren.[Anm. 6] So erging es auch einigen rheinland-pfälzischen Auswanderern.

3. Die Werbung der französischen Regierung in Preußen und Rheinhessen

Nachdem die Anwerbung von Franzosen zunächst wenig erfolgreich war, begann, wie erwähnt, die Regierung auch mit der Werbung von Ausländern. Besonders erfolgreich waren die Werber in der preußischen Rheinprovinz. Erstmals zeigte sich der Erfolg 1842, als 171 Personen den Kreis St. Wendel in Richtung Nordafrika verließen. 1844/45 folgten ihnen 99 Personen aus dem Regierungsbezirk Trier, 1845/46 waren es 30. Einen weiteren Höhepunkt erreichte die Algerienauswanderung 1846/47 mit 167 Auswanderern.[Anm. 7] Ein Jahr später waren es nur noch elf Personen, 1856 noch einmal 68. Nach jeweils einstelligen Auswandererzahlen in den Folgejahren verebbte die Algerienauswanderung in den 1860er Jahren völlig. Die oben genannten Zahlen orientieren sich zudem an den Zielangaben der Auswanderer in ihrem Auswanderungsgesuch, wobei nicht feststeht, ob sie auch tatsächlich in Algerien angekommen sind oder ihre Pläne noch geändert haben.

Bei der Algerienauswanderung scheint jedoch festzustehen, dass es sich um eine Auswanderung aus wirtschaftlichen Gründen handelte. So schrieb ein Bürgermeister, der einen Landrat über den Anstieg der Gesuche zur Auswanderung nach Algerien informierte, die Auswanderer hätten „einstimmig erklärt, daß Mangel an Lebensmitteln, gänzliche Verdienstlosigkeit, besonders aber das harte Holzdiebstahlsgesetz […]“ sie zur Auswanderung veranlasst hätten. Hinweise, die auf eine Auswanderung aus religiösen oder politischen Gründen schließen lassen, scheinen nicht vorzuliegen.[Anm. 8]

Die Werbung der französischen Regierung betraf zwar hauptsächlich, aber nicht nur den Regierungsbezirk Trier. Aus der Bürgermeisterei Kastellaun wanderte 1844 eine Person nach Algerien aus.[Anm. 9] Auch wurden in den Jahren 1844 bis 1846 im Raum Oppenheim zahlreiche Gesuche zur Auswanderung nach Algerien gestellt. Sieben Prozent von insgesamt 1886 Oppenheimer Auswanderern gaben Algerien als Ziel ihrer Reise an.[Anm. 10]

4. Die Kolonisten in La Stidia und Sainte Léonie

Die Dörfer La Stidia und Sainte Léonie in Algerien wurden für einige rheinland-pfälzische Auswanderer zur „Zwangsheimat“. Denn eigentlich hatten sie vorgehabt, nach Brasilien auszuwandern. In den 1840er Jahren warb der Auswanderungsgent Diel im Auftrag des Handelshauses Delrue, welches wiederum vom Kaiserreich Brasilien beauftragt worden war, für die Auswanderung in das südamerikanische Land. Aufgrund wirtschaftlicher Krisen und stieß die Werbung dabei auf relativ großes Interesse, vor allem in den preußischen Regierungsbezirken Koblenz und Trier, aber auch in Rheinhessen. Zahlreiche Familien verließen ihre Heimat, um nach Brasilien zu gehen. Der damals noch übliche Weg führte nicht etwa über die bedeutenden deutschen Häfen Bremen und Hamburg, sondern die Reise ging zunächst Rheinabwärts und dann nach Frankreich, genauer nach Dünkirchen.

In Dünkirchen allerdings gaben erste Anzeichen zu erkennen, dass die Überfahrt problematisch werden könnte. Man war einem Betrüger aufgesessen. Die brasilianische  Regierung hatte das Handelshaus Delrue, welches auch in Dünkirchen ansässig war, mit der Anwerbung von 600 Familien betraut. Die Agenten Delrues jedoch, wie bereits genannter Diel, setzten auch nach Erreichen dieser Zahl im Frühsommer 1846 ihre Werbung fort, ohne dass die versprochene kostenlose Überfahrt noch möglich war. Deshalb sammelten sich nun in Dünkirchen mittelose Auswanderer, für eben aufgrund ihrer Mittellosigkeit kein Fortkommen mehr möglich war. Auch die preußische Regierung sah sich nicht zum Handeln gezwungen, da die Auswanderer mit dem Überschreiten der Grenze auch die preußische Staatsangehörigkeit verloren hatten.[Anm. 11]

Die Lage in Dünkirchen verschlechterte sich von Tag zu Tag. Die Auswanderungswilligen kampierten unter freiem Himmel. Die Dünkirchener Bevölkerung versuchte zwar zu helfen, konnte die Not aber nur geringfügig lindern.[Anm. 12] Die Presse berichtete sehr zwiespältig über die Neuankömmlinge. Während das „Journal de Dunkerque“ die Auswanderer Anfang Juli als Taugenichtse beschimpfte, rief die Zeitung „La Dunkerquoise“ am 18. Juli 1846 zur Hilfe für die Gestrandeten auf. Die Auswanderer richteten schließlich selbst eine Bittschrift an die französische Regierung, um nach Algerien gebracht zu werden.[Anm. 13] Der Ministerrat entschloss daraufhin am 16. Juni 1846, die gestrandeten Deutschen von Marseille aus nach Algerien zu verschiffen. Bevor es jedoch dazu kam, brach Ende Juli desselben Jahres Typhus aus. Schließlich beschloss der Ministerrat, dass das Kriegsministerium die Auswanderer nach Algerien verschiffen sollte.[Anm. 14]

Die Schiffe stachen ab 23.08. in See und erreichten Mitte September den Hafen Mers el Kebir nahe Oran. 27 Personen waren auf der Überfahrt verstorben. In Algerien selbst musste erst ein Siedlungsgebiet festgelegt und die Ansiedlung vorbereitet werden. Die Auswanderer blieben deshalb zunächst in einem Auffanglager[Anm. 15] aus Baracken und Zelten, in dem bis zum 7. November 1846 73 weitere Menschen starben.[Anm. 16]

Schließlich aber begann die endgültige Ansiedlung. Die Siedler wurden zur Sicherung der Küstenstraße zwischen Oran und Mostaganem in die Dörfer La Stidia und Sainte Léonie gebracht, wo man ihnen jeweils zehn bis zwölf Hektar Land sowie Zug- und Kleinvieh überließ. Ersteres Dorf hatte 1848 467 Einwohner, die in der Mehrheit aus dem Raum Trier bzw. dem Kreis Daun und den Altkreisen Prüm, Bitburg, Bernkastel und Wittlich stammten.  In Sainte Léonie wurden drei Jahre später 168 ehemalige Preußen gezählt. Bis etwa zur Jahrhundertwende blieb die deutsche Sprache in diesen beiden Dörfern noch dominant, hatte eine Vermischung und Assimilation mit der französischen Bevölkerung bereits eingesetzt. La Stidia wurde 1903 in „Georges Clemenceau“ umbenannt.[Anm. 17]

5. Die Rückkehr nach Frankreich

Die zahlreichen Kriege zwischen Deutschland und Frankreich im 19. und 20. Jahrhundert erschwerten den Deutschen Einwanderern in Algerien zunehmend die Erhaltung ihrer Sitten und Gebräuche. Schon 1870/71 nahmen viele die französische Staatsbürgerschaft an. Ähnlich wie in La Stidia und Sainte Léonie geriet die angestammte Kultur in Vergessenheit. Die Einwanderer assimilierten sich mit der europäischstämmigen Bevölkerung.

Der blutige Krieg um die algerische Unabhängigkeit 1957 bis 1962, an dessen Ende Algerien seine Unabhängigkeit von Frankreich erlangte, betraf daher auch die Nachkommen der Auswanderer. Die europäischstämmigen Einwohner sahen sich gezwungen, das Land zu verlassen. Etwa eine Million der sogenannten „pieds-noirs“ (Schwarzfüßler) verließen die alte, neue Heimat und wurden auf das Mutterland verteilt.[Anm. 18]

Verfasser: Christoph Schmieder

 

Verwendete Literatur:

  • Beres, Eric: Auswanderung aus dem Hunsrück 1815-1871. Strukturen, Ursachen und Folgen am Beispiel der ehemaligen Bürgermeisterei Kastellaun. Kastellaun 2001 (Kastellaun in der Geschichte; 7).
  • Klug, Ernst: Rheinhessische Auswanderungen nach Brasilien und Algerien 1845-1847. In: Heimatjahrbuch Alzey 1962, S. 56-67.
  • Leonards, Rudolf: Auswanderung nach Algerien. ANOM – Archives nationales d'outre-mer – jetzt online. In: Westdeutsche Gesellschaft für Familienkunde e. V. Bezirksgruppe Trier. Familienkundliche Blätter 21 (2009). S. 4-5. Online: http://www.wgff.net/trier/download/FamNach/Heft-21_2009_12.pdf <27.09.2013>

  • Mergen, Josef: Eifelsöhne wandern nach Algerien aus. In: Heimat-Jahrbuch Daun 1980. Online: http://www.jahrbuch-daun.de/VT/hjb1980/hjb1980.22.htm <20.09.2013>

  • Peyroulou, Jean-Pierre; Tengour, Ouanassa Siari; Thénault, Sylvie: 1830-1880. La conquête et la résistance des Algériens. In: Histoire de l'Algérie à la Période coloniale. 1830-1962. Hg. von Abderrahmane Bouchène [u.a.]. Paris, Alger, 2012. S. 19-44.
  • Schmahl, Helmut: Die Auswanderung aus dem Raum Oppenheim im 19. Jahrhundert. In: Der Landkreis Mainz-Bingen. Region und Unterricht. Hg. von Otto Kandler, Wolfgang Licht, Elmar Rettinger. Bad Kreuznach 1997. S. 185-199.
  • Sessions, Jennifer: Les colons avant la IIIe République. Peupler et mettre en Valeur l'Algérie. In: Histoire de l'Algérie à la Période coloniale. 1830-1962. Hg. von Abderrahmane Bouchène [u.a.]. Paris, Alger, 2012. S. 64-70.
  • Wißkirchen, Friedbert: Brasilien war ihr Traum – Algerien wurde zur „Zwangsheimat“. Algerien-Auswanderung 1846 aus dem Bezirk Trier. In: Westdeutsche Gesellschaft für Familienkunde e. V. Bezirksgruppe Trier. Familienkundliche Blätter 22 (2010). S. 3-12.  Online: http://trier.wgff.net/download/FamNach/Heft-22_2010_07.pdf <20.09.2013>

 

Erstellt am: 25.10.2013

Anmerkungen:

  1. Vgl. Peyroulou, Tengour, Thénault, S. 24-30. Zurück
  2. Vgl. Sessions, S. 64. Erst ab den 1850er Jahren sollten die Franzosen die Mehrheit der Einwanderer stellen. Zurück
  3. Im Original „habitude d'ordre et de travail“. Zurück
  4. Vgl. Sessions, S. 65. Zurück
  5. Vgl. Sessions, S. 65f. Außerdem hing die Überlassung von fruchtbarem Land auch von zahlreichen finanziellen Kriterien ab. Zurück
  6. Vgl. Sessions, S. 66-69. Zurück
  7. Vgl. Mergen. Es ist anzunehmen, dass die Kolonisten in La Stidia und Sainte Léonie darin nicht enthalten sind, da die Zahlen wohl auf der Angabe des Zielortes in den Auswanderungsgesuchen basieren. Diese Gruppe hätte wohl Brasilien als Ziel angegeben. Zurück
  8. Vgl. Mergen. Zurück
  9. Vgl. Beres, S. 50. Zurück
  10. Vgl. Schmahl, S. 192f. Zurück
  11. Vgl. Klug, S. 58f.; Wißkirchen, S. 3-4. Zurück
  12. Vgl. Wißkirchen, S. 4f. Zurück
  13. Vgl. Klug, S. 58f. Zurück
  14. Vgl. Wißkirchen, S. 5. Zurück
  15. Wahrscheinlich handelte es sich dabei um eines der in Kapitel 2 erwähnten Depots. Zurück
  16. Vgl. Wißkirchen, S. 6. Zurück
  17. Vgl. Klug, S. 59; Wißkirchen, S. 7-11. Zurück
  18. Vgl. Leonards, S. 4. Zurück