Die Auswanderung nach Australien

1. Einleitung

Die Rheinland-Pfälzer hatten einen großen Anteil an den Auswanderungen des 18. und 19. Jahrhunderts, sowohl nach Übersee, als auch nach Ost- und Südosteuropa. In Übersee lagen die Hauptziele unbestritten in den USA und, mit einigem Abstand, in Brasilien. Rheinland-pfälzische Auswanderungen nach Australien kamen selten vor und blieben damit Ausnahmeerscheinungen. Gleichwohl verdienen auch diese Ausnahmen Erwähnung, weshalb an dieser Stelle die deutsche Auswanderung nach Australien sowie der Anteil der Pfälzer im Vordergrund stehen soll.

2. Die Kolonisation Australiens

Am 22. Januar 1787, nach dem Wegfall der nordamerikanischen Kolonien durch deren Unabhängigkeit, wurde die Ostküste Australiens zu einer Strafkolonie bestimmt. Diese erste Kolonie trug den Namen New South Wales. Eine erste Ladung von Sträflingen kam etwa ein Jahr nach der Gründung, am 26. Januar 1788, dort an. Es sollten noch etwa 160000 Strafgefangene folgen, unter ihnen auch einige in Großbritannien verurteilte Deutsche. Für erneut straffällig gewordene Häftlinge wurden am Rande der Kolonie Strafsiedlungen angelegt, die so auch zur allmählichen Ausbreitung der Kolonie über die komplette östliche Hälfte des Kontinents beitrugen.[Anm. 1]

Von der Kolonie New South Wales, die ursprünglich die gesamte östliche Hälfte des Kontinents ausmachte, wurden im Laufe der Zeit einige Gebiete separiert und zu eigenständigen Kolonien erklärt. 1836 entstand mit South Australia eine Kolonie, in die im Gegensatz zu den anderen Gebieten keine Sträflinge eingeführt wurden.  1851 wurde im Südosten die Kolonie Victoria gegründet. 1859 wurde der Norden von New South Wales zur Kolonie Queensland.[Anm. 2]

Von großer Bedeutung für die Entwicklung Australiens war der Goldrausch von 1851, als fast gleichzeitig in New South Wales und Victoria Gold gefunden wurde. Aufgrund des Goldfiebers schnellte die Bevölkerungszahl innerhalb eines Jahrzehnts nach oben. Hatten 1850 405000 Menschen in Australien gelebt, waren es 1860 schon 1145000. Um 1900 lebten schließlich etwa 3765000 Menschen in Australien.[Anm. 3]

3. Deutsche Auswanderer in Australien

Die deutsche Auswanderung nach Australien lässt sich grob in drei Phasen einteilen. Bis in die 1840er Jahre war die Auswanderung dorthin überwiegend religiös motiviert. Dies änderte sich mit dem Goldrausch in Victoria in den 1850er Jahren. Ab 1860 wiederum stand dann Queensland im Nordosten im Vordergrund.[Anm. 4]

South Australia mit der Hauptstadt Adelaide war zu Beginn der deutschen Auswanderung das Hauptziel der deutschen Auswanderer. Bis 1851 hatten etwa 9000 deutsche Siedler in der Kolonie eine neue Heimat gefunden.[Anm. 5] Viele von ihnen kamen wohl aus dem Osten Preußens. Zwischen 1844 und 1848 gingen drei Prozent der preußischen Auswanderer (49104) nach Australien. In Schlesien und Posen war der fünfte Kontinent gar eines der Hauptziele. Auf der anderen Seite gingen in diesem Zeitraum nur 11 Personen aus dem Rheinland, Sachsen und Westfalen dorthin.[Anm. 6]

 Die Goldfunde in Australien, zuerst in New South Wales, kurz darauf auch in der neuen Kolonie Victoria, wirkten sich auch auf die deutsche Auswanderung aus. In diese Goldgebiete ging der Hauptstrom der Deutschen in den 1850er Jahren. Der Goldrausch sorgte jedoch nicht nur für einen Anstieg der Auswanderungen in die Goldgebiete, sondern wirkte sich auch auf die bereits bestehenden Kolonien aus. Da viele Arbeitskräfte in die Fundgebiete aufgebrochen waren, mangelte es den Schafzüchtern an Arbeitskräften, auch weil die Deportation von Sträflingen 1840 eingestellt worden war. Den Verlust versuchten diese Schafzüchter, „squatters“ genannt, durch Anwerbung von neuen Siedlern zu kompensieren. Die Werbung wurde auch in Deutschland durchgeführt, wobei man das sogenannte Bounty-System praktizierte: Der Arbeitgeber bezahlte die Überfahrt, wobei sich der Arbeitnehmer als Gegenleistung zu 2-3 Jahren unterbezahlter Arbeit verpflichtete. Das System stieß in Deutschland auch durchaus auf Interesse.[Anm. 7]

Ein anderes, aber attraktives System wurde im folgenden Jahrzehnt in der neuen Kolonie Queensland angewandt: Wer auf eigene Kosten ins Land kam, erhielt einen Anteilschein auf Kronland im Wert von 18 Pfund, nach zwei Jahren nochmals 12 Pfund. Diese Orders konnten jedoch auch offen als Wertpapier gehandelt werden. Insgesamt kamen bis 1891 23000 Deutsche nach Queensland. 1861 waren es nur 2124 gewesen.[Anm. 8]

Als allgemeine Tendenz lässt sich feststellen, dass die Auswanderung nach Australien nach der Gründung des Deutschen Reiches 1871, vor allem aber in den 1880er Jahren, stark zurückging und sich ab 1890 bei  100 bis 670 Personen im Jahr einpendelte. Gleichzeitig stieg das Handelsvolumen des Reiches mit der Kolonie, so dass am Vorabend des Ersten Weltkrieges zehn Prozent der Importe Australiens aus dem Reich kamen. Von 1815 bis 1914 waren insgesamt etwa 70000 Deutsche nach Australien ausgewandert.[Anm. 9]

 Australien trat 1914 an der Seite Großbritanniens in den Krieg ein. Eine antideutsche Stimmung, zu der auch die deutsche Presse in Australien, die das Reich lautstark unterstützte, beitrug, schlug im Krieg in Hass um.[Anm. 10] Es kam zur Internierung von deutschen Einwanderern und ihren Nachkommen.[Anm. 11] Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Gründung der Bundesrepublik nahm Australien wiederum einige deutsche Auswanderer auf. Dabei lieferte sich der Kontinent einen harten Wettbewerb mit den USA und Kanada.[Anm. 12] „Die USA, Kanada, Australien und andere Länder hatten seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert Einwanderungsbeschränkungen eingeführt, um zu kontrollieren, wer ins Land kam. Bevorzugt wurden weiße, christliche, nordwesteuropäische Männer und Frauen, denn sie garantierten die Kontinuität des Wirtschaftssystems und der Bevölkerungszusammensetzung.“[Anm. 13]

4. Rheinland-Pfälzer in Australien

Der mit Abstand größte Teil der eingewanderten Deutschen kam aus dem Osten Preußens, allerdings waren auch Württemberg, Kurhessen und Schleswig-Holstein wichtige Herkunftsgebiete.[Anm. 14] Rheinland-Pfälzer fanden nur selten den Weg nach Australien. Eine genaue Zahl der Rheinland-Pfälzer in Australien liegt nicht vor, wobei es wohl nur „einige hundert Auswanderer“ waren. Die Auswandererkartei des Instituts für pfälzische Geschichte und Volkskunde in Kaiserslautern enthält etwa 220 Australienwanderer, wahrscheinlich liegt die Zahl aber höher.[Anm. 15] In Rheinhessen kamen Australienauswanderer nur sehr selten vor. Im Kanton Oppenheim ist zum Beispiel bis 1870 nur ein Fall bekannt. Dieser Auswanderer schloss sich einer Gruppe von Laubenheimer Winzern und Handwerkern an, die nach Australien ging.[Anm. 16]

Australien besaß, auch aufgrund der wesentlich größeren Entfernung und damit der schweren Erreichbarkeit, nicht die Anziehungskraft, die die USA, Brasilien und zeitweilig auch Polen auf die Pfälzer Auswanderer ausübten. Zudem litt die Kolonie unter einem schlechten Ruf, der vor allem durch die Sträflingsdeportationen bedingt war.[Anm. 17] Recht gut lässt sich diese fehlende Attraktivität an einem Beispiel aus dem Jahr 1837 belegen. Eine Gruppe von Auswanderern – unter ihnen möglicherweise auch einige Pfälzer – hatte sich auf den Weg nach Australien gemacht. Die Reise sollte sie über Brasilien führen. Als Zwischenstopp geplant, entwickelte sich das Unternehmen jedoch in eine andere Richtung. Zum einen hatten die Auswanderer bereits eine dreimonatige Reise nach Brasilien hinter sich, während der sie stark unter den schwierigen Bedingungen an Bord des Schiffes gelitten hatten. Zum anderen schilderte man in Brasilien die Kolonisation in Australien in den dunkelsten Farben, so dass die Auswanderer sich am Ende für einen Verbleib im südamerikanischen Kaiserreich entschieden.[Anm. 18]

Trotz der insgesamt geringen Zahlen und der fehlenden Attraktivität des Kontinents begann die Geschichte der (kur-)pfälzischen Australienauswanderung schon sehr früh: mit einem Sträflingstransport. Joseph Marcus stahl während eines Einbruchs „fünf Löffel, zwei Salzstreuer, einen Senftopf, vier Salzlöffel, zwei Zuckerzangen, einen Weinfilter, eine Tasse und zwei Leinenhemden“ und wurde deshalb in England zum Tode verurteilt. Durch eine Deportation in die neue Kolonie konnte er der Strafe entgehen. In Australien selbst ging er verschiedenen Berufen nach. So war er Polizist, Diener bei einem Textilkaufmann und Farmer, bevor er 1828 starb.[Anm. 19]

Rheinland-Pfälzische Auswanderer mit ganz anderem Hintergrund kamen dagegen aus Budenheim. Michael Ackermann hatte 1854 beschlossen, nach Australien auszuwandern. Am 11. November desselben Jahres begann er, möglicherweise begleitet von seinem Schwager und dessen Grau, von Antwerpen aus die Reise nach Australien. Insgesamt waren 430 deutsche Auswanderer an Bord. Im März des folgenden Jahres legten sie in Sydney an. Ackermann reiste weiter ins Hunter Valley in New South Wales. Er erhielt wohl ein Stück Farmland. Außerdem taucht er 1868 in Clarence Town als Händler auf. Wohl aufgrund des Einflusses seines Schwagers Johann Krohmann, der zu einigem Wohlstand gelangt war, zog es ihn schließlich in die Goldabbauregionen des Kontinents, wo Ackermann Anteil an den Schürfrechten seines Schwagers erhielt. Johann Krohmann zog es 1872 zurück nach Deutschland, wo er, zwischenzeitlich verwitwet, erneut heiratete, und sich erneut in Budenheim niederließ. Zwischenzeitlich war er auch Bürgermeister. Krohmann starb 1879. Seine Witwe, eine Schwester Michael Ackermanns, wanderte daraufhin nach Australien. Michael Ackermann selbst gelangte durch die Mine zu einigem Wohlstand. Er überließ sie seinem Sohn und wurde Gastwirt des „Club House Hotels“. Ackermann starb 1908.[Anm. 20]

Auch einige andere rheinland-pfälzische Australienauswanderer bzw. -reisende sind heute noch bekannt, seien es Forscher wie Jakob Bauer aus Frankenthal, der 1868 im Adelaide-Fluss ertrank, seien es geflohene Anhänger der gescheiterten Revolution von 1848/49, wie Andreas von Nida aus Kleinfischlingen, der in Australien Verwaltungsbeamter wurde.[Anm. 21]

Trotz der geringen Zahl der rheinland-pfälzischen Auswanderer hat sich jedoch die pfälzische Kultur in Australien gehalten, wobei Zillmere, ein Vorort von Brisbane (Queensland) „einen Ruf als eine Art Pfälzer Kolonie unter dem Kreuz des Südens“ hat. Brisbane ist auch Sitz der 1970 gegründeten „Pfälzer Gemeinschaft in Australien“.[Anm. 22]

Verfasser: Christoph Schmieder

 

Verwendete Literatur:

 

  • Beuke, Arnold: Werbung und Warnung. Australien als Ziel deutscher Auswanderer im 19. Jahrhundert. Bern [u.a.] 1999 (German Australian studies; 14).
  • Freund, Alexander: Die Auswanderung aus Nachkriegsdeutschland. In: Aufbruch nach Amerika. 1709-2009. 300 Jahre Massenauswanderung aus Rheinland-Pfalz. Kaiserslautern 2009 (Schriften des Theodor-Zink-Museums; 17). S. 81-92.
  • Hahn, Peter Michael: Das Problem der Auswanderung aus Preußen vor 1871 in zeitgenössischer Sicht. In: Migration nach Ost- und Südosteuropa vom 18. Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts. Ursachen – Formen – Verlauf – Ergebnis. Hg. von Mathias Beer. Stuttgart 1999. S. 25-46.

 

  • Klug, Ernst: Rheinhessische Auswanderungen nach Brasilien und Algerien 1845-1847. In: Heimatjahrbuch Alzey 1962, S. 56-67.
  • Lodewyckx, Australien: Die Deutschen in Australien. Stuttgart 1932.
  • Schäfer, Heribert: Von Budenheim nach Australien. In: Mainz-Bingen Heimat-Jahrbuch 49 (2005), S. 50-52.
  • Schmahl, Helmut: Die Auswanderung aus dem Raum Oppenheim im 19. Jahrhundert. In: Der Landkreis Mainz-Bingen. Region und Unterricht. Hg. von Otto Kandler, Wolfgang Licht, Elmar Rettinger. Bad Kreuznach 1997. S. 185-199.
  • Wendel, Michael: Am Anfang war ein Knacki. Vor 200 Jahren begann die pfälzische Einwanderungsgeschichte in Australien. In: Die Pfalz am Rhein 1 (1992). S. 30-31.

 

Erstellt: 23.09.2013

Zuletzt geändert: 22.11.2013

Anmerkungen:

  1. Beuke, S. 49. Zurück
  2. Beuke, S.53; S. 145. Zurück
  3. Lodewyckx, S.27f. Zurück
  4. Beuke, S. 12; Lodewyckx, S. 49. Zurück
  5. Beuke, S.67. Zurück
  6. Hahn, S. 32. Zurück
  7. Beuke, S. 103-106. Zurück
  8. Beuke, S. 146f. Zurück
  9. Beuke, S. 11; S. 169f. Zurück
  10. Beuke, S. 170-177. Zurück
  11. Wendel, S. 31. Zurück
  12. Freund, S. 83. Zurück
  13. Freund, S. 84. Zurück
  14. Beuke, S. 148. Zurück
  15. Wendel, S. 30. Zurück
  16. Schmahl, S. 193. Zurück
  17. Beuke, S. 51; S.121-124. Zudem beschrieben die Auswandererzeitungen wie die „Allgemeine Auswanderungszeitung“ und die „Deutsche Auswanderer-Zeitung“ die Ansiedlungsbedingungen in Australien zumeist sehr negativ. Zurück
  18. Klug, S. 57; Lodewyckx, S. 32. Eine Beteiligung von Pfälzern wird im Text nicht explizit erwähnt, scheint jedoch nicht unwahrscheinlich, wenn man die große Beteiligung von Pfälzern an der späteren Brasilienwanderung, die schwache Wirtschaftslage im Heimatland und den Beruf vieler Mitglieder der Gruppe – nämlich der des Winzers – bedenkt. Insgesamt sei jedoch noch angemerkt, dass sowohl Lodewyckx als auch Klug ihre Aussage nicht belegen. Zurück
  19. Wendel, S.30f. Zurück
  20. Schäfer, S. 50-52. Zurück
  21. Wendel, S. 31. Zurück
  22. Wendel, S. 31. Zurück