Ansiedlung und Unterstützung der Einwanderer

Südliche Bundesstaaten von Brasilien

1827 wies der brasilianische Kaiser die Provinz Sao Paulo an, ebenfalls neu ankommende deutsche Auswanderer aufzunehmen. So landeten zwischen 1827 und 1829 fünf Schiffe im Hafen von São Paulo mit insgesamt 936 Personen an Bord, die alle aus dem Hunsrück und der Pfalz kamen. Die Stadt São Paulo hatte damals noch nicht einmal 20.000 Einwohner. Die Ankunft dieser Auswanderer können wir uns so vorstellen, wie es Edmundo Zenha beschrieb: „An einem ruhigen Nachmittag nach der Arbeit sahen die Einwohner der Kleinstadt São Paulo unter Staunen und Angst durch die engen, schmalen Straßen fremdartige, schmutzige, müde Männer mit langen Bärten und magere Frauen mit erschrockenen Kindern auf den Armen herankommen. Quietschende Ochsenkarren, beladen mit Gepäck, alten Leuten und Kindern unter improvisierten Sonnendächern, zogen vorbei. Einige Glückliche hielten sich auf Mauleseln, die sie ergattert hatten. Die meisten kamen zu Fuß. Alle schimpften in einer unbekannten Sprache. In ihren Augen und in denen der Zuschauer lag gegenseitiges Misstrauen, Kavallerie begleitete den traurigen Zug der Kandidaten auf dem Reichtum Amerikas.“

Die Einwanderer, die nach São Paulo kamen, wurden in Santo Amaro und Itapecerica angesiedelt. Der Großteil von ihnen blieb nicht im Raum São Paulo, sondern wanderte weiter. Ein Teil ließ sich in Ipanema, etwa 70 Kilometer südlich von São Paulo nieder, wo die Männer Arbeit in einer Eisengussfabrik fanden. Gerade vor zwei Wochen wurde in Santo Amaro die 180-Jahrfeier dieser Einwanderung feierlich begangen. Herr Friedrich Hüttenberger, der sich seit einiger Zeit um die Aufarbeitung der Geschichte gerade dieser deutschen Siedlung annimmt und heute unter uns ist, war dabei und hat ein Grußwort gesprochen.

Die Erwartungen der Siedler, vor allem hinsichtlich der von den Werbern zugesicherten Unterstützungen und Privilegien, gingen, wie auch aus dem zitierten Brief schon zu entnehmen war, nicht alle in Erfüllung. Dennoch vermochte es der unermüdliche Fleiß der Einwanderer - trotz schwieriger geographischer Gegebenheiten, Auseinandersetzungen mit Indianern, ungewohnter klimatischer Verhältnisse und lästiger Insektenplage (Borajudas, Moskitos), dass nach mühsamer Rodung des Urwaldes blühende Siedlungen entstehen konnten. Die Siedlungen, die damals entstanden, trugen fast alle deutsche Namen, wie z.B. Rosental, Tabakstal, Bohnental, Portugieserschneis, Sommerschneis, Neuschneis oder Baumschneis. Die in den Urwald geschlagenen Schneisen wurde vielfach auch als Pikaden bezeichnet, wie Kaffeepikade oder Baumpikade. Es finden sich aber auch Ortsnamen wie Walachei oder Jammerthal. Manche benannten ihre Ortsgründungen auch nach ihrem Herkunftsort. So erinnert São Vendelino an St. Wendel. In Löffelscheid ließen sich Familien aus dem gleichnamigen Ort im Hunsrück nieder. Dort finden wir aber auch beispielsweise Jakob Schäfer aus Mutterscheid, Georg Bauer aus Zell an der Mosel oder Johannes Fritzen aus Enkirch an der Mosel. Unter den deutschstämmigen Bewohnern werden diese Ortsnamen noch heute benutzt, während viele dieser Orte offiziell längst portugiesische Bezeichnungen tragen.

Bis 1830 siedelten sich dort etwa 7.000 Deutsche an, vor allem aus dem Hunsrück, aus der Saarregion, aus Rheinhessen und der Pfalz.

Der Reiseschriftsteller und Naturforscher Eduard Theodor Bösche verfasste 1836 ein interessantes Werk mit dem Titel „Wechselbilder von Land- und Sittenschilderungen während einer Fahrt nach Brasilien“. Darin heißt es u. a.: „Die Kolonie São Leopoldo ... enthält etwa 900 Quadratmeilen mit ungefähr 4.000 deutschen Kolonistenfamilien. Das Klima ist hier bedeutend kälter als in den nördlichen Provinzen Brasiliens und also der nordeuropäischen Natur zusagender, weshalb auch die Sterblichkeit bei weitem nicht so groß ist und die Menschen ein höheres Alter erreichen als in den heißen Gegenden Brasiliens... Man hat den zuerst ankommenden Kolonisten insofern die gemachten Versprechungen gehalten, indem man ihnen regelmäßig die ausgeworfenen Subsidien während der ersten zwei Jahre (für das 1. Jahr pro Tag und Kopf 160 Reis - 1.000 Reis - 1 Piaster, für das 2. Jahr die Hälfte) zahlte und ihnen die Plantagen von 400 Klaftern (bracas) lang und 200 breit auf dem Kamp nebst Waldungen anwies, auch ihnen eine festgesetzte Stückzahl Vieh lieferte; da indes auch hier die Strenge des Klimas die Kultur des Kaffee, des Hauptreichtums der brasilianischen Pflanzenwelt, und der edleren Gewächse Brasiliens nicht gestattet, so müssen sie sich auf den Anbau von Mais, woraus die Deutschen ihr Brot backen, einer Art kleine Bohnen (feijao), das vorzüglichste Nahrungsmittel der Brasilianer, Maniock, woraus das bekannte Mehl (farinha) bereitet wird, auf Reis, Tabak, Kartoffeln, Melonen und Orangen beschränken. Auch gedeihen fast alle Arten deutscher Gartengemüse. Federvieh ist in Menge vorhanden, und an Hornvieh ein Überfluß. Diesen Kolonisten ... geht es auch ziemlich gut, da sie bis jetzt von Abgaben und Steuern nichts wissen, und ihre Produkte leicht nach Porto Alegre verschiffen und dort absetzen können. Auf die Viehzucht, die vorzüglichste Nahrungsquelle dieser an Triften reichen Gegenden, müssen sie ihr Hauptaugenmerk richten. Es gibt auch einzelne deutsche Kolonisten, welche bereits 150 bis 200 Stück Hornvieh und 40 bis 50 Pferde besitzen... Desto bedauernswerter ist das Schicksal der später angekommenen Kolonisten, denen man die Plantagen in den Urwäldern anzeigte, die noch häufig von umherstreifenden Wilden, hier Bugres genannt, heimgesucht werden, und wo jede Handbreit Land zur Urbarmachung erst mit der Axt dem fast eisenharten Holz abgerungen werden muß. Auch die Urwälder dieser Gegenden zeichnen sich durch ihre Undurchdringlichkeit und üppige Vegetation, wenn auch nicht in dem Maße wie in den nördlichen Provinzen, aus. Während meiner einjährigen Anwesenheit auf dieser Kolonie wurden diese Urwaldkolonisten verschiedene Male von jenen Wilden überfallen und mehrere Familien das Opfer dieser mörderischen Überfälle...“

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Verfasser: Roland Paul

Redaktionelle Bearbeitung: Dominik Kasper