Das Schicksal der Einwanderer

Während sich viele Briefe von Auswanderern aus Nordamerika erhalten haben, sind Briefe von Auswanderern aus Brasilien seltener zu finden. So schrieb Johannes Gehm am 20. Januar 1849 an einen Verwandten in seiner pfälzischen Heimat:

„Mein Land besteht aus 5/4 Colonien, lauter Urwald, ungefähr 300 Morgen, welches mich 2.000 Milreis kostet. Auf einer Seite liegt Konrad Koch von Steinwenden neben mir, dann Johann Schaan von Miesenbach, dann Philipp Hofstätter, Peter Port und dann Ludwig Kney (alle von Spesbach) und alle diese sind schon gut eingerichtet und mit ihrem Schicksal zufrieden... Wir haben ebenso gut freie Religionsausübung wie in Deutschland, und wir haben uns auch schon einer Kirche angeschlossen, welche jetzt im Bau begriffen ist und diese ist die zehnte protestantische Kirche... Wir danken alle Gott, daß wir hier sind, und wenn man das kleinste von meinen Kindern bis zum größten fragt, ob es wieder nach Deutschland wolle, so antworten sie alle Nein!..."

Doch nicht alle hatte es so gut getroffen. Einen schweren Start hatte zum Beispiel die Familie Scharf aus Obereisenbach. Peter Scharf wanderte mit seiner Familie 1862 über Antwerpen mit dem Schiff „Margarethe“ nach Brasilien aus und ließ sich im Staat Santa Catarina nieder. Der Sohn der Auswandererfamilie, Peter Scharf junior, schrieb über seine Reise und die Ankunft in Brasilien Folgendes:

„Ich bin am 5. Januar 1851 in Bayern, Regierungsbezirk Kaiserslautern geboren. Mit 11 Jahren wurde ich konfirmiert, weil wir nach Brasilien auswanderten. Am 9. April 1862 fuhren wir mit einem Rheindampfer von Bingen nach Köln. Von dort brachte uns die Eisenbahn nach Antwerpen, von wo wir mit einem Segler in die See stachen. In Desterro gingen wir an Land. Von Palhoca aus wurden wir durch enge Pikaden in die neuen Ländereien oberhalb Santa Isabels geschickt. 6 Monate lang wurden wir von der Regierung mit Geld und Arbeitsgerät unterstützt. Mein Vater und mein Großvater waren drüben Zimmerleute und hatten ihr gutes Auskommen. Mein Vater verirrte sich eines Tages hier im Urwald und kam nicht wieder zum Vorschein. Nach 9 Monaten ständigen Suchens fanden wir seinen Leichnam. Dieses Unglück forderte damals unser ganzes Vermögen, so daß wir verarmten.“

Auf den Friedhöfen all dieser Siedlungen finden sich die Spuren der hunsrückischen, pfälzischen und rheinhessischen Auswanderer. Zum Teil ist auf den Grabsteinen sogar der Herkunftsort vermerkt. Einige Beispiele:

Hier der Grabstein von Nikolaus Blauth aus dem westpfälzischen Dorf Weltersbach.


Hier möchte ich eine kleine Begebenheit einflechten: Bei meiner zweiten Reise nach Brasilien im Jahre 2002 machte mich auf dem Flughafen von São Paulo mein Reisebegleiter Theo Pfleger, mit dem ich seitdem schon mehrere Reise nach Brasilien unternommen habe, auf das Namensschild am Revers eines Piloten der brasilianischen Fluggesellschaft VARIG aufmerksam. Blauth war sein Name, ein alter Familiename in der Westpfalz. Ich ging auf den Piloten zu und sprach ihn in Englisch an. Sein Englisch sei nicht so gut, entgegnete er mir, er spreche nur Portugiesisch und ein schlechtes Deutsch, für das er sich entschuldigen wollte. Auf seinen Namen angesprochen, sagte Mauricio Blauth: „Mer sinn schun lang do und ware frieher vun de Stadt Welderschbach in Deitschland". Ich war verblüfft, wusste ich durch meine Forschungen doch, dass Nikolaus Blauth mit seiner Frau und mehreren Kindern 1826 aus Weltersbach nach Brasilien ausgewandert war. Ich zeigte Mauricio meine Unterlagen mit den Namen und Daten pfälzischer Brasilien-Auswanderer, die ich bei meiner Reise in den Süden Brasiliens zu ergänzen hoffte. Darin war auch die Familie Blauth verzeichnet. Nun war er sprachlos. Als ich ihm dann sagte, daß ich mich vor zehn Jahren mit einem Manfredo Blauth in Rio de Janeiro getroffen habe, der alles über die Blauths in Brasilien zusammengetragen habe, war die Überraschung besonders groß. „Seller is mei Vadder“, sagte Mauricio. So klein ist die Welt!

Hier noch drei weitere interessante Grabsteine:


Von manchen Auswanderern, die ursprünglich aus Regionen des heutigen Rheinland-Pfalz oder aus den ehemals preußischen Gebieten des heutigen Saarlandes kamen, gibt es heute Hunderte von Nachkommen, wie von der Familie Ritter aus Kempfeld, der Familie Trein aus Leisel, der Familie Cassel aus Rathsweiler, den Sanders aus Konken, den Reinheimers aus Altenglan, die Kochs und Schenkels aus Miesenbach, die von Mühlens aus Trahweiler bei Kusel.

Traurige Berühmtheit erlangten Mitglieder der Familie Maurer aus Bischmisheim, vor allem Jakobine Maurer, geb. Mentz, die sich als die deutsche „Christusin“ in Brasilien verehren ließ. Die Familie Maurer und andere Familien, die sowohl der evangelischen als auch der katholischen Konfession angehören, organisierten auf dem Leonerhof nicht weit von São Leopoldo, eine andere Art des Zusammenlebens und Zusammenarbeitens, sie lebten nach einem eigenen kollektiven Sozialmodell, würde man heute sagen. Der Grund und Boden gehörte allen Mitgliedern der Gemeinde gemeinsam. In der Nachbarschaft werden sie bald als „Mucker“ bezeichnet. Geld lehnten sie ab, sie strebten nach Autarkie, und was sie nicht selbst herstellen konnten, versuchten sie zu tauschen. Auch die Kinder waren so etwas wie Gemeinschaftsgut, für die alle verantwortlich waren. Auch pflegten die „Mucker“ große sexuelle Freizügigkeit. Die Grundlage für diese Form des Zusammenlebens zog die Gruppe aus den Bibelauslegungen der Jakobine Maurer. Für die Gruppe war sie die Heilige, von den Siedlern in der Umgebung wurde sie als Hexe verteufelt. Aber auch die wirtschaftliche Autarkie der Sekte rief das Misstrauen der Umgebung hervor. Sie wurden von den benachbarten Siedlern ausgegrenzt, Gewalt gegen die Mucker wurde straffrei. Das führte dazu, dass sich die Mucker auch selbst immer mehr radikalisierten. Zuerst strebten sie noch ein friedliches Miteinander an, doch bald hielten sie sich für die letzten Gerechten und schreckten fanatisiert auch vor dem Mord an anderen Siedlern nicht zurück. Solchen Übergriffen folgte schließlich die geplante Vernichtung und Ausrottung der Sekte mit Hilfe des staatlichen Militärs. Auch in den Kirchenbüchern finden wir gelegentlich Einträge, die im Zusammenhang mit diesem Aufstand stehen. Beim Tod der in der Portugieserschneis 1901 verstorbenen 78-jährigen Maria Barbara Maurer, geb. Wendling, hielt Pfarrer Hunsche fest, dass sie „in der Muckerzeit alles verlor, indem ihr Haus mit allem, was drin war, in Flammen aufging.“ Dieser sogenannte „Mucker-Aufstand“, der erbitterte Kampf zwischen den Sektierern auf der einen, ihren eigenen Verwandten, benachbarten Siedlern und der Obrigkeit auf der anderen Seite, wurde mehrfach literarisch behandelt und zweimal sogar verfilmt. Zu nennen ist vor allem der 1978 entstandene deutsch-brasilianische Spielfilm „Jakobine“, dessen Drehbuch Jurge Bodanzky und der aus Weilerbach stammende und in São Paulo lebende Autor und Regisseur Wolf Gauer verfasst haben.

Das nächste Kapitel lesen

Verfasser: Roland Paul

Redaktionelle Bearbeitung: Dominik Kasper