Pennsylvania: Zentrum der deutschen Einwanderung zur Kolonialzeit

Pennsylvania war in kolonialer Zeit das weitaus wichtigste Siedlungsgebiet deutscher Einwanderer. Da ein Großteil von ihnen – wie die Exilanten von 1709 - aus der Pfalz stammte, wurde die englischsprachige Bezeichnung für Pfälzer („Palatines“) als Sammelbegriff für alle deutschsprachigen Immigranten im kolonialen Nordamerika verwendet.

Schätzungsweise 100.000 Deutsche wanderten bis zur Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten in die britischen Kolonien Nordamerikas aus.[Anm. 1] Ähnlich wie bei den Auswanderern von 1709 waren auch später wirtschaftliche Gründe ausschlaggebend. Das Gros der Auswanderer stammte aus Gebieten, wo statt des im Reich weit verbreiteten Anerbenrechts, bei dem nur einer der Erben den Hof bei Abfindung der anderen übernahm, die Realteilung üblich war. In diesen Räumen war die Bewirtschaftung bereits früh intensiviert worden.[Anm. 2] Dies führte zu einem stärkeren Bevölkerungswachstum im Vergleich zu Anerbengebiete und zugleich zu einer größeren Anfälligkeit für Krisen und verstärkten Auswanderungsbereitschaft. Diese abstoßenden Kräfte des Heimatlandes – vor allem bittere oder andauernde Not - waren jedoch nicht die einzige Erklärung für Auswanderungsschübe, da die Lebensverhältnisse in zahlreichen anderen Gebiete ähnlich prekär waren, ohne dass es von dort zu zahlreichen Wegzügen kam. Viel mehr war intensive Werbung seitens interessierter Regierungen, Großgrundbesitzer, Reeder und Kapitänen notwendig, um Menschen zum Aufbruch zu mobilisieren. Die Gegenden am Mittel- und Oberrhein galten den Werbern als besonders viel versprechende Gebiete, da sie eine hohe Bevölkerungsdichte aufwiesen und die Landesherren aufgrund der territorialen Zersplitterung die Tätigkeit der Werber nur schlecht unterbinden konnten.

Die Popularität Pennsylvanias unter deutschen Auswanderern war vor allem auf die Tätigkeit des Koloniegründers William Penn (1644-1718) zurückzuführen. Penn war ein wohlhabender englischer Quäker, der aufgrund der Verfolgung seiner Religionsgemeinschaft in den 1670er Jahren eine Siedlung in Nordamerika plante, die von religiöser Toleranz und politischer Freiheit geprägt sein sollte. Er reiste zweimal nach Deutschland, um Werbung für sein Projekt zu machen. So predigte er 1677 unter anderem in Kriegsheim bei Worms, wo sich Mennoniten und Quäker niedergelassen hatten.[Anm. 3] Die Gelegenheit zur Verwirklichung von Penns Plänen ergab sich, als König Karl II. ihm als Bezahlung einer hohen Geldschuld ein riesiges Stück Land in Nordamerika vermachte. In englisch- und deutschsprachigen Werbeschriften machte der Quäker potentielle Siedler mit seinem „Holy Experiment“ bekannt. Der von dem Projekt begeisterte Jurist Franz Daniel Pastorius entschied sich zur Auswanderung und fand eine Gruppe von Mennoniten und Quäkern im niederrheinischen Krefeld, die sich ihm anschlossen. Pastorius und 13 Familien erreichten am 16. August 1683 Philadelphia mit dem Schiff „Concord“.[Anm. 4] Die kleine Gruppe ließ sich in der Nähe der Hauptstadt Philadelphia nieder, wo sie Germantown gründete. Bald folgten ihnen 50 weitere Familien, unter anderem aus Kriegsheim, so dass Germantown bereits 1691 zur Stadt ernannt wurde. Zahlreiche Einwanderer waren Weber, und so bildete sich bald eine woll- und tuchverarbeitende Industrie heraus, die qualitätsvolle Produkte herstellte, wie man sie sonst nur aus England importieren konnte.

Die Nachricht von dem „heiligen Experiment“ in Pennsylvania verbreitete sich rasch in Deutschland. In den nächsten Jahrzehnten fanden besonders Angehörige verfolgter religiöser Gruppen dort eine Zuflucht.[Anm. 5] Seit 1710 sind dort Schweizer Mennoniten nachweisbar, denen bald zahlreiche Pfälzer Glaubensgenossen folgten, Dunkerbaptisten kamen erstmals 1719 ins Land, Schwenkfelder 1734, ein Jahr die Mährischen Brüder. Die große Mehrheit der Deutschen in Pennsylvania war jedoch lutherisch oder reformiert. Katholiken fanden im 18. Jahrhundert nur selten den Weg in das protestantisch geprägte britische Nordamerika. Sie bevorzugten stattdessen Ungarn und andere habsburgische Ländereien Südosteuropas.

In den folgenden Jahrzehnten kam es zu einer kontinuierlichen Auswanderung aus dem südwestdeutschen Raum, die in unterschiedlicher Intensität bis zum Unabhängigkeitskrieg anhielt.[Anm. 6] Die Quäkerkolonie Penns wurde zum weitaus wichtigsten Anlaufpunkt in Amerika. Zwischen 1727 bis 1740 registrierten die Hafenbehörden von Philadelphia 80, in den kommenden 15 Jahren 159 Schiffe mit deutschen Immigranten. Nach einer Unterbrechung durch den Siebenjährigen Krieg erreichten 88 weitere Schiffe Philadelphia. Die in Schüben verlaufende Auswanderung fand zwischen 1749 und 1754 ihren Höhepunkt.[Anm. 7] Allein 1749 trafen 7000 Passagiere aus Deutschland ein. Dies führte zu Überfremdungsängsten unter der englischen Bevölkerung Pennsylvanias, denen Benjamin Franklin 1751 mit einer drastischen Tirade gegen die integrationsresistenten „Pfälzer Bauernlümmel“ (Palatine Boors) Ausdruck verlieh.[Anm. 8]

Insgesamt betrug der Gesamtanteil der Deutschstämmigen bei der ersten US-Volkszählung im Jahr 1790 ein knappes Zehntel (8,6 %). Pennsylvania wies mit 33 % den weitaus höchsten Wert auf, gefolgt von Maryland (12 %), New Jersey (9%) und New York (8%). Kleinere Kontingente fanden sich in den Südstaaten und den jungen Siedlungen westlich der Appalachen.[Anm. 9]

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Verfasser: Helmut Schmahl

Redaktionelle Bearbeitung: Dominik Kasper

Anmerkungen:

  1. Zu den unterschiedlichen Schätzungen vgl. Kathleen Neils Conzen: Germans. In: Stephen Thermstrom (u. a. Hrsg.): Harvard Encyclopedia of American Ethnic Groups. Cambridge/Mass. und London 1980, S. 407; Christian Pfister: Bevölkerungsgeschichte und historische Demographie 1500-1800. München 1994 (Enzyklopädie deutscher Geschichte, 28), S. 54. Zurück
  2. Vgl. Pfister, Bevölkerungsgeschichte, S. 56-57. Zurück
  3. Vgl. Horst Gerlach: Mennoniten in Rheinhessen. In: Alzeyer Geschichtsblätter 18 (1983), S. 27. Zurück
  4. Vgl. Agnes Bretting: Mit Bibel, Pflug und Büchse: deutsche Pioniere im kolonialen Amerika. In: Klaus Bade (Hrsg.): Deutsche im Ausland – Fremde in Deutschland. Migration in Geschichte und Gegenwart. München 1992, S. 139. Zurück
  5. Vgl. Aaron S. Fogleman: Hopeful Journeys: German Immigration, Settlement, and Political Culture. Philadelphia 1996,. S. 101-126. Zurück
  6. Nachstehende Angaben, wenn nicht anders angegeben, bei Conzen, Germans, S. 407. Zurück
  7. Ausführlich hierzu: Andreas Brinck: Die deutsche Auswanderungswelle in die britischen Kolonien Nordamerikas um die Mitte des 18. Jahrhundert. Stuttgart 1993. Zurück
  8. Vgl. Wolfgang J. Helbich / Annette Haubold: Alle Menschen sind dort gleich: Die deutsche Amerikaauswanderung im 19. und 20. Jahrhundert. Düsseldorf 1988, S. 31. Zurück
  9. Vgl. Hans-Jürgen Grabbe: Vor der großen Flut. Die europäische Migration in die Vereinigten Staaten von Amerika 1783-1820, S. 98-105. Zurück