Die Auswanderung nach Nordamerika im 19. Jahrhundert

Verlauf und Umfang

Einwandererzentrum Castle Garden
New York, Castle Garden

Im 19. Jahrhundert entwickelten sich die Vereinigten Staaten, das „Land der Freiheit“, zum weitaus beliebtesten Ziel deutscher Einwanderer. Im Gegensatz zu Deutschland, das bei eher geringen Ressourcen einen Überschuss an Arbeitskräften hatte, mangelte es in den rasch empor strebenden USA an arbeitsfähigen Menschen. Darüber hinaus übte die Neue Welt eine starke Anziehungskraft vor allem auf junge Menschen aus. Ihr Wissensstand war oft spärlich, umso phantasievoller stellten sich viele eine „goldene Zukunft“ in den Vereinigten Staaten vor. Zwischen 1820 und 1930 ließen sich dort rund 90% der rund sechs Millionen deutschen Immigranten nieder.[Anm. 1] Sie gehörten dort zu den größten Einwanderergruppen. Andere Länder wie Brasilien, Argentinien, Australien, Algerien und Rußland standen nur zeitweise im Zentrum des Interesses deutscher Auswanderer, vor allem, wenn Werbung für diese Gebiete betrieben wurde oder die Vereinigten Staaten vom Bürgerkrieg oder von Wirtschaftskrisen betroffen waren.

Erstmals setzte die Auswanderung im „Hungerjahr“ 1817 in nennenswertem Ausmaß ein. Als Missernten zu stark gestiegenen Getreidepreisen und Hungerskrisen führten, übersiedelten rund 20.000 Menschen nach Osteuropa bzw. in die Vereinigten Staaten.[Anm. 2] Wie nicht anders zu erwarten, war vor allem der südwestdeutsche Raum betroffen, wo im Gegensatz zu anderen Regionen Deutschlands Fernwanderungen eine lang etablierte Tradition hatten.

In den 1820er Jahren blieb die Auswanderung nach Nordamerika gering, statt dessen wanderten zahlreiche Bauern und Handwerker aus dem Hunsrück und seinen Nachbargebieten in das seit 1822 unabhängige südamerikanische Kaiserreich Brasilien aus, das eine eifrige Werbetätigkeit entfaltete.[Anm. 3] Anhaltende Wirtschaftskrisen führten seit den frühen 1830er Jahren zu einem kontinuierlichen Anwachsen der Auswanderung.[Anm. 4] Spitzenwerte mit jeweils einer Million Emigranten wurden 1846-1857 und 1864-1873 erreicht. Nach der Reichsgründung, zwischen 1880 und 1893, gingen sogar mehr als 1,8 Millionen Deutsche in die USA. Das Gebiet des heutigen Rheinland-Pfalz war vor allem von den ersten beiden Auswanderungswellen betroffen, während es sich bei den Wegzügen im Kaiserreich vorwiegend um Angehörige unterbäuerlicher Schichten aus dem ostelbischen Raum handelte, wo sich zuvor die Auswanderungslust sich in engen Grenzen gehalten hatte.[Anm. 5] Nach 1890 spielte die Amerikaauswanderung reichsweit keine große Rolle mehr, da aufgrund der fortgeschrittenen Industrialisierung ein größeres Arbeitsplatzangebot bestand.

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Verfasser: Helmut Schmahl

Redaktionelle Bearbeitung: Dominik Kasper

Anmerkungen:

  1. Vgl. die Tabelle bei Conzen, Germans, S. 410. Zurück
  2. Vgl. Günter Moltmann (Hg.): Aufbruch nach Amerika. Die Auswanderungswelle von 1816/1817. Stuttgart 1989, S. 193-195. Zurück
  3. Vgl. Helmut Schmahl, Verpflanzt, aber nicht entwurzelt. Die Auswanderung aus Hessen-Darmstadt (Provinz Rheinhessen) nach Wisconsin im 19. Jahrhundert. Frankfurt a. M. (u. a.) 2000 (Mainzer Studien zur Neueren Geschichte, 1), S. 65. Zurück
  4. Die nachstehenden Werte finden sich bei Horst Rößler: Massenexodus: die Neue Welt des 19. Jahrhunderts. In: Bade, Deutsche im Ausland, S. 148. Grundlegend: Peter Marschalck: Deutsche Überseewanderung im 19. Jahrhundert. Stuttgart 1973. Zurück
  5. Vgl. Wolfgang Helbich/ Walter D. Kamphoefner/ Ulrike Sommer: Briefe aus Amerika. Deutsche Auswanderer schreiben aus der Neuen Welt 1830-1930. München 1988, S. 14-15. Zurück