Nativismus und Politik

Die starke Präsenz deutscher Einwanderer wurde von vielen alteingesessenen Angloamerikanern mit immer größerer Sorge gesehen.[Anm. 1] Die Nachfahren der Puritaner gehörten verschiedenen protestantischen Kirchen an und legten großen Wert auf strenge Sonntagsheiligung. Viele von ihnen waren Anhänger der Abstinenzbewegung und forderten das Verbot des Verkaufs alkoholischer Getränke. Ihre Lebens- und Denkweise unterschied sich in vieler Hinsicht von ihren deutschen Nachbarn, daher musste es zu zahlreichen Vorurteilen auf beiden Seiten kommen. Deutsche wurden von den Yankees als sparsam und fleißig eingestuft. Als Handwerker und Farmer waren sie geschätzt. Mit Missfallen wurde jedoch zur Kenntnis genommen, dass viele Deutsche den Sonntag eher zur Erholung als zur Erbauung nutzten und sie in ihren zahlreichen Gaststätten dem Alkohol in geselliger Runde zusprachen.

Die Charaktereigenschaften des Yankees aus deutscher Sicht lassen sich am besten mit dem Wort smart umschreiben. Dieses Adjektiv hat zahlreiche Bedeutungen, die sich die Angloamerikaner zum Teil selbst zuschrieben wie intelligent, geschickt, flink und schlagfertig. Deutsche dachte jedoch eher an negative Konnotationen des Wortes, wie geschäftstüchtig und gerissen. Viele deutsche Einwanderer hatten eine weit höhere Achtung für das amerikanische Regierungssystem als für die Amerikaner selbst. Mitunter behaupteten sie, die Ideale des Landesbesser zu verstehen als die Einheimischen selbst, die durch Zufall in dem Land geboren worden waren. Der Nationalfeiertag diente manchen Immigranten dazu, ihren Patriotismus für die Wahlheimat mitunter provokativ unter Beweis zu stellen.

Die von der angloamerikanischen Bevölkerung abweichenden Lebensformen deutscher und irischer Einwanderer, Konkurrenzneid auf dem Arbeitsmarkt und vor allem ihre Zugehörigkeit zur katholischen Kirche (rund 1/3 der Deutschen in den USA waren katholisch) führten unter Teilen der einheimischen Bevölkerung zu Überfremdungsängsten und zur Forderung nach Beschränkung der Einwanderung. Ihren Höhepunkt erreichte die fremdenfeindliche Stimmung Anfang der 1850er Jahre, als die American Party (Know-Nothing-Party) mit dem Motto „Wessen Land ist dies eigentlich?“ („Whose country is that anyway?“) beachtliche Wahlerfolge verbuchen konnte. In vielen Städten mit starker deutscher oder irischer Präsenz kam es zu Auseinandersetzungen, beispielsweise bei den „Bierkrawallen“ (beer riots) in Chicago 1855, wo es zu Tumulten zwischen amerikanischen Polizisten und deutschen Immigranten kam, die eine Beschneidung ihres Rechtes auf Bierkonsum fürchteten.[Anm. 2] Mitunter kam es sogar zu Fällen von Lynchjustiz, wie in West Bend/Wisconsin, wo im gleichen Jahr mehrere Deutsche Lynchjustiz an einem nativistischen Angloamerikaner verübten, der wiederum einen Deutschen getötet hatte.[Anm. 3]

Der politische Einfluss der Know-Nothings war nur von kurzer Dauer, dennoch blieben zahlreiche Vorurteile gegen deutsche Immigranten bestehen. Viele Deutsche zeigten Jahrzehnte nach ihrer Einwanderung wenig Neigung, die englische Sprache zu lernen und ihren von vielen Angloamerikanern als anstößig empfundenen Lebensstil zu ändern. Ethnisch geprägte Viertel, wie „Little Germany“ in New York oder „Over the Rhine“ in Cincinnati, deutsche Schulen, Zeitungen und Kirchengemeinden erleichterten den Immigranten zwar die Integration, zugleich wurden sie jedoch als „Zeichen mangelnder Anpassungsbereitschaft und als Rückzug in eine vermeintlich homogene ethnische Kultur verstanden“[Anm. 4]

Die Masse der deutschen Einwanderer identifizierte sich mit den beiden großen amerikanischen Parteien. Kleine Gruppen von Achtundvierzigern und späterer Immigranten, die aufgrund von Bismarcks ‚Sozialistengesetz' auswanderten, wurden jedoch von Angloamerikanern mit Argwohn betrachtet, da sie sozialistische Ideen verbreiteten, die als unvereinbar mit den amerikanischen Grundwerten betrachtet wurden.[Anm. 5] Ihren Höhepunkt erreichten amerikanische Vorurteile gegen deutsche politische Aktivisten 1866 in der sogenannten Haymarket-Affäre in Chicago, als deutsche Anarchisten beschuldigt wurden, Polizisten mit Bomben getötet zu haben. Sie wurden – obwohl Beweise fehlten – in einem Schauprozess zum Tode verurteilt und hingerichtet.

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Verfasser: Helmut Schmahl

Redaktionelle Bearbeitung: Dominik Kasper

Anmerkungen:

  1. Ich folge, wenn nicht anders angegeben, meiner Darstellung in Verpflanzt, aber nicht entwurzelt, S. 261-272. Zurück
  2. Vgl. Monika Blaschke: ‚Deutsch-Amerika' in Bedrängnis: Krise und Verfall einer ‚Bindestrichkultur'. In: Bade, Deutsche im Ausland, S. 172-173. Zurück
  3. Vgl. Schmahl, Verpflanzt, S. 210-211. Zurück
  4. Blaschke, Deutsch-Amerika, S. 173. Zurück
  5. Blaschke, Deutsch-Amerika, S. 174-175. Zurück