Organisierte Auswanderung: Das Texasprojekt des ‚Mainzer Adelsvereins'

Die meisten Deutschen zogen im 19. Jahrhundert im Familienverband oder allein nach Amerika. Dennoch kam es mitunter zur Bildung religiöser oder weltlicher Auswanderungsvereinigungen, die Siedlungsprojekte in den USA verfolgten. Für das Gebiet des heutigen Rheinland-Pfalz ist hier vor allem der Mainzer Adelsverein zu nennen, dessen dilettantische Tätigkeit zur „größten Katastrophe in der Geschichte der deutschen Auswanderung“[Anm. 1] führte.

Auf Initiative einer in Mainz stationierter Gruppe adeliger Offiziere wurde 1842 in Biebrich bei Wiesbaden der „Verein zum Schutze deutscher Einwanderer in Texas“ gegründet.[Anm. 2] Ziel war es, die Not der Untertanen durch ihre Ansiedlung in Texas, damals eine unabhängige Republik, zu lindern. Zugleich sollte die zu gründende Kolonie neue Absatzmärkte für die deutsche Wirtschaft eröffnen. Im Mai 1844 schickte der ‚Mainzer Adelsverein' (so die landläufige Bezeichnung), der zwischenzeitlich in eine Aktiengesellschaft umgewandelt worden war, Carl Prinz zu Solms-Braunfels als ersten Generalkommissar nach Texas. Im Herbst folgten die ersten Auswanderergruppen. Doch erst im März 1845 gelang es Solms-Braunfels, nahe dem Guadalupe River ein Stück Land für die ersten Siedler zu kaufen. Er nannte die neue Siedlung Neu-Braunfels nach dem oberhessischen Sitz seiner Familie. Aufgrund logistischer Probleme und des ungeschickten Wirtschaftens des Prinzen drohte das Projekt zu scheitern. Das Eintreffen weiterer Auswanderer, die kaum versorgt werden konnten, führte zu noch größeren Problemen. Solms-Braunfels' Nachfolger, der preußische Verwaltungsjurist Otfried Hans Freiherr von Meusebach, vermochte jedoch eine Katastrophe abzuwenden. Der Traum von einer deutschen Kolonie platzte endgültig 1845, als Texas in die USA aufgenommen wurde.

Durch die Vermittlung des Vereins kamen bis 1847 knapp 7400 Deutsche nach Texas, die anfangs erbärmlichste Zustände ertragen mussten. Unzählige fielen Seuchen zum Opfer oder verhungerten. Allmählich gelang es Meusebach, die Verhältnisse zu stabilisieren. Er gründete 1847 den Ort Friederichsburg (Fredericksburg) und handelte einen Friedensvertrag mit dem Stamm der einheimischen Comanchen-Indianern aus. Dennoch gelang es dem Verein aus Geldmangel nicht, jeder Familie 130 Hektar Land zur Verfügung zu stellen, wie vor der Auswanderung versprochen. Als diese Missstände in Deutschland bekannt wurden, erklärte der ‚Adelsverein' alsbald seine Zahlungsunfähigkeit und löste sich 1848 auf.

Trotz des Fiaskos entstanden rund um New Braunfels und Fredericksburg allmählich blühende Siedlungen, die durch Zuzüge verstärkt wurden. Viele der Siedler stammten aus dem Westerwald, insbesondere aus dem Raum Montabaur. Noch um 1900 gab es rund 100.000 deutschsprachige Texaner, vor allem im zentraltexanischen Siedlungsgürtel (German Belt) zwischen Austin und San Antonio.

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Verfasser: Helmut Schmahl

Redaktionelle Bearbeitung: Dominik Kasper

Anmerkungen:

  1. Helbich/Kamphoefner/Sommer, Briefe aus Amerika, S. 15. Zurück
  2. Die nachstehende Darstellung folgt im wesentlichen Harald Winkel: Der Texasverein – ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Auswanderung im 19. Jahrhundert. In: Vierteljahresschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 3 (1969), S. 348-372. Zurück