Wirtschaftliche und soziale Hintergründe

Für den deutschen Massenexodus des 19. Jahrhunderts waren ebenso wie im Jahrhundert zuvor die misslichen wirtschaftlichen Verhältnisse von Kleinbauern, Gewerbetreibenden und Handwerkern verantwortlich, die durch Ernteausfälle und Teuerungskrise oft prekäre Ausmaße annahmen. Eine entscheidende Rolle spielte hierbei das rasche Bevölkerungswachstum, das spätestens seit der französischen Zeit zu beobachten war. So stieg die Bevölkerung Rheinhessen zwischen 1816 und 1834 von 158.035 auf 205.320, was einer Zunahme von 29% innerhalb einer Generation entsprach.[Anm. 1] Ein gleich hohes Wachstum war in der benachbarten Rheinpfalz zu verzeichnen, wo 1816 430.410 Menschen lebten, 1834 jedoch bereits 554.932.[Anm. 2] Diese Entwicklung war auf eine Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion und eine durch verbesserte medizinische Betreuung gesunkene Sterberate zurückzuführen.[Anm. 3]

Die in den meisten Landesteilen verbreitete Realteilung, die alle Erben gleichstellte, war von der napoleonischen Gesetzgebung bestätigt worden, und führte aufgrund des steigenden Bevölkerungsdrucks in den kommenden Jahrzehnten zu einer bedenklichen Aufsplitterung der landwirtschaftlichen Nutzfläche.[Anm. 4] Bereits in 1817 entfielen auf jeden ländlichen Haushalt Rheinhessens durchschnittlich 3-4 ha Grundbesitz. Knapp zwei Jahrzehnte späte hatte die Besitzzersplitterung noch besorgniserregendere Ausmaße angenommen. 1834 bewirtschafteten in Alsheim bei Worms 41%, in Gau-Odernheim 76%, im Mombach bei Mainz gar 86% der landwirtschaftlichen Betriebe bis zu 2,5 ha Feld. In Orten, wo Weinbau oder andere Sonderkulturen eine Rolle spielten, boten solch kleine Betriebe oft ein ausreichendes Familieneinkommen, in reinen Ackerbaugemeinden jedoch nicht. Viele Kleinbauern arbeiteten daher im Taglohn oder als Handwerker.

Neben der Realteilung führten einige Errungenschaften aus französischer Zeit, die auch nach 1815 als so genannte „Rheinische Institutionen“ Fortbestand hatten, zu einer Verschärfung der wirtschaftlichen und sozialen Lage.[Anm. 5] Aufgrund der Gewerbefreiheit waren zahlreiche Handwerksberufe überbesetzt, insbesondere in der Textilindustrie, die unter englischen Billigimporten sowie unter der zunehmenden Mechanisierung zu leiden hatte. Viele Kleinbauern und Handwerker mussten sich als Taglöhner oder Saisonarbeiter verdingen. Bis zur Gründung des Deutschen Zollvereins 1834 stellten die Binnenzölle ein großes Hemmnis für den Export von Wein, Getreide und anderen Produkten in andere deutsche Staaten dar.

Zu einer weiteren Verschlechterung der sozialen Lage breiter Bevölkerungsschichten kam es in den 1840er und 1850er Jahren, dem Zeitalter des „Pauperismus“ (lateinisch pauper = Armer).[Anm. 6] Nach den Missernten der Jahre 1846 und 1853 kletterten die Preise für Grundnahrungsmittel wie Brot und Kartoffeln um ein Vielfaches. In vielen Gegenden kam es zu Hungersnöten, die durch staatliche Maßnahmen wie die verbilligte Abgabe von Lebensmitteln an Bedürftige oder Bauprojekte kaum gelindert werden konnten.[Anm. 7] Ein Indiz für die große Armut, die vielerorts herrschte, sind die Abschiebeaktionen zahlreicher Gemeinden. Manche Dorfvorstände versuchten in den Jahren um 1850, die Last der Armenunterstützung von sich abzuwenden, indem sie zahlreiche unbemittelte Familien auf ihre Kosten nach Amerika schickten und für ihre Schulden aufkamen.[Anm. 8] Auf diese Weise wurden die rheinhessischen Altrheingemeinden Gimbsheim und Eich in den Jahren zwischen 1848 und 1851 226 bzw. 168 Personen los. Die kleine Gemeinde Sespenroth im Gelbachtal in der Nähe von Montabaur löste sich gar 1853 auf, nachdem ihre sämtlichen 48 Bewohner ihren Besitz verkauft hatten und nach Milwaukee ausgewandert waren.[Anm. 9] Zur gleichen Zeit zog fast die gesamte Einwohnerschaft des 85 Seelen zählenden Weilers Allscheid im Kreis Daun in die USA.[Anm. 10] Auch die wesentlich größere pfälzische Gemeinde Schopp (südlich von Kaiserslautern) trug sich 1852 mit dem Gedanken einer vollständigen Übersiedlung nach Nordamerika, was jedoch von der Kreisregierung in Speyer abgelehnt wurde.[Anm. 11]

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Verfasser: Helmut Schmahl

Redaktionelle Bearbeitung: Dominik Kasper

Anmerkungen:

  1. Vgl. Schmahl, Verpflanzt, S. 385. Zurück
  2. Vgl. Joachim Heinz: "Bleibe im Lande, und nähre dich redlich!". Zur Geschichte der pfälzischen Auswanderung vom Ende des 17. bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts. Kaiserslautern 1989 (Beiträge zur pfälzischen Geschichte, 1) S. 350. Zurück
  3. Ausführlich zu den Wirkfaktoren: Arthur E. Imhof: Einführung in die Historische Demographie. München 1977, S. 60-69. Zurück
  4. Vgl. Schmahl, Verpflanzt, S. 58-59 (dort auch die nachstehenden Werte zu rheinhessischen Gemeinden). Zurück
  5. Vgl. Reinhard Rürup: Deutschland im 19. Jahrhundert, 1815-1871. Göttingen 1984, S. 133. Zurück
  6. Vgl. Richard H. Tilly: Vom Zollverein zum Industriestaat. Die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands 1834-1914. München 1990, S. 12.38. Zurück
  7. Vgl. die Beispiele bei Schmahl, Verpflanzt, S. 55. Zurück
  8. Vgl. Schmahl, Verpflanzt, S. 98. Zurück
  9. Vgl. Guido Feig: Die Sespenröther in Amerika. Auf den Spuren der Nachfahren. In: Wäller Heimat 1987, S. 65-67. Zurück
  10. Vgl. Hans-Peter Pracht: Abschied von der Heimat. Die Eifeler Auswanderung nach Amerika im 19. Jahrhundert. Aachen 1998, S. 92. Zurück
  11. Vgl. Roland Paul: Auswanderungen aus der Pfalz vom 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. In: Paul/Scherer: Pfälzer in Amerika, S. 76. Zurück