"Aufbruch nach Amerika - Bilder einer Ausstellung" eine Nachbetrachtung

Deutsche Literatur in Amerika
Zeitgenössisches Buch zum Amerikanischen Bürgerkrieg aus St. Louis
Germania Jugendbibliothek - Der alte Doktor
Große Männer und Frauen aus der Pilgerbuchhandlung Reading Pa.
Heimathklänge - Ein Illustriertes Volksliederbuch für die Deutschen Amerika's

7. Deutsches Literatur in Amerika

Der Anteil der Lesekundigen unter den ersten deutschen Einwanderern war so groß, dass bereits 1832 die erste deutschsprachige Zeitung in Philadelphia erschien. Bis 1800 wurden in Pennsylvania zumindest zeitweise nicht weniger als 38 deutschsprachige Blätter verlegt. Nach 1830 entwickelte sich in allen deutschen Siedlungsgebieten ein reiches Angebot an Zeitungen für deutsche Immigranten. Viele ihrer Herausgeber hatten Deutschland aus politischen Gründen verlassen, wie etwa der aus Alzey stammende Achtundvierziger Emil Preetorius, der Redakteur der weit verbreiteten „Westlichen Post“ war. Die deutschsprachige Presse hatte zwei entgegen gesetzte Wirkungen. Zum einen verzögerte sie das Erlernen der englischen Sprache, da man den Inhalt in der vertrauten Muttersprache lesen konnte. Auf der anderen Seite hatten deutsche Zeitungen in den USA die gleiche Aufmachung wie englischsprachige Blätter und standen meist im Dienst einer politischen Partei.

Kinderbücher
Kleine Erzählungen für Kinder
Gold- und Silber-Nüsse für christliche Kinder
Lesebuch für Kinder, hrsg. von der Amerikanischen Tractat-Gesellschaft

Sie dienten der Instrumentalisierung der Deutschen für einen politischen Zweck und noch wichtiger: sie machten die „Adoptivbürger“ mit Regierungsform, Lebenssitten und Kultur der Amerikaner vertraut. Um 1890 erreichte die Auflagezahl deutscher Zeitungen ihren Höhepunkt, anschließend kam es aufgrund der versiegenden Einwanderung zu einem raschen Rückgang, der durch den Ersten Weltkrieg beschleunigt wurde.

 

Aufgrund der Initiative des aus Edenkoben stammenden New Yorker Verlegers Conrad Voelcker entstanden in den 1880er Jahren eigene Zeitungen für pfälzische und (rhein-)hessische Einwanderer, die bis 1917 ausführlich über das Tagegeschehen in der alten Heimat, z.B. Unglücke, Todesfälle und den Stand der Weinernte informierten. „Der Pfälzer in Amerika“ erschien seit 1884, drei Jahre später wurden die „Hessischen Blätter“ ins Leben gerufen.

8. Pennsylvaniadeutsch

Mer schwetze noch die Mudderschprooch – hiwwe wie driwwe! Zu Beginn des 21. Jahrhunderts sprechen noch immer etwa 350.000 Amerikaner (und ca. 10.000 Kanadier) einen deutschen Dialekt, der seine Wurzeln überwiegend in der Pfalz hat: das Pennsylvaniadeutsche. Es ähnelt am ehesten der Sprache im Umkreis von etwa 20 Kilometern rund um Mannheim und hat sich in den vergangenen 300 Jahren weiterentwickelt – zum einen durch Aufnahme alemannischer Elemente und Strukturen, zum anderen durch zahlreiche Entlehnungen aus dem Englischen. Sätze wie „Die Sei sinn iwwer die Fens gesdschumpt“ (Die Schweine sind über den Zaun gesprungen.) oder „Sell iss uff zu dir“ (Das ist deine Angelegenheit.) sind für Pfälzer nicht auf Anhiebe zu verstehen. Aber ein Gespräch mit Pennsylvaniadeutschen ist schon nach kurzer Aufwärmphase leicht möglich.

Deutsche Kochbücher aus Amerika
Praktisches Kochbuch für die Deutschen in Amerika

Das geschlossene deutsche Sprachgebiet hatte noch im Jahr 1900 etwa die Größe der deutschsprachigen Schweiz, und rund 1 Million Menschen sprach den Dialekt zu dieser Zeit: Lutheraner, Reformierte, Mennoniten und etwa 4.000 Amische. Zwei Weltkriege führten dazu, dass unter den Lutheranern und Reformierten die Alltagssprache längst Englisch ist – Pennsylvaniadeutsch ist hier Folklore, und mancher junge Amerikaner lernt die Sprache seiner Vorfahren heute als Zweitsprache. Entsprechende Seminare gibt es seit einigen Jahren sogar an der Universität von Kutztown (PA). Die konservativen Mennoniten und Amischen haben die Sprache im Alltag hingegen weitgehend bewahrt und geben sie an ihre zahlreichen Kinder weiter. Und so steigen die Sprechzahlen heute wieder an.

In Pennsylvania geht mancher noch „Elbedritschlicher fange“, und in einige Haushalte kommt der „Belznickel“. Auch ganz alte Aspekte der Volkskultur – wie etwa das „Brauchen“ (Heilen von Tieren und Menschen durch Besprechen) oder die Volkskunst mit Herzen, Tulpen und Distelfinken hat sich in der neuen Welt bewahrt.

In Lancaster County liegt Manheim ganz in der Nähe von Strasburg, und wer Richtung Lebanon County fährt, kann im Myerstown im „Kumm Esse Diner“ die gute pennsylvaniadeutsche Küche genießen.

9. Religion, Erziehung und Bildung

Bei den frühesten deutschen Auswanderern in Pennsylvania handelte es sich um Mennoniten, Quäker und Anhänger anderer in Europa verfolgter Glaubensgemeinschaften. Viele von ihnen waren von William Penn persönlich auf einer Missionsreise eingeladen worden. Spätere Immigranten gehörten meist der lutherischen oder reformierten Kirche an. Sie machten um 1750 rund 80 Prozent der Deutschen in Pennsylvania aus. Auch die pietistische Gruppe der Mährischen Brüder war vielerorts zu finden.

Die religiöse Betreuung der meisten Auswanderer war in der Kolonialzeit unzureichend. 1765 waren lediglich 15 reformierte Pfarrer für 40 Gemeinden zuständig, eine ebenso große Zahl lutherischer Gemeinden hatte sich zu einer Synode zusammengeschlossen. Vielerorts wurden Kirchengebäude von beiden Denominationen genutzt, was vielen Pfälzern aus ihrer alten Heimat vertraut war. Ein utopisches religiöses Experiment war das 1735 von dem Radikalpietisten Johann Conrad Beissel gegründete „Kloster“ Ephrata. Die in der Wildnis lebende weitgehend zölibatäre Gemeinschaft war weithin autark. Eine besondere zivilisatorische Leistung stellte ihre Druckerei dar, in der 1748/49 der „Märtyrer-Spiegel der Tauffs-Gesinnten“ gedruckt wurde. Das monumentale Werk von dem aus Alsenborn ausgewanderten Ordensmitglied Johann Peter Müller aus dem Niederländischen ins Deutsche übersetzt worden.

Im 19. Jahrhundert waren die Kirchen insbesondere auf dem Land die einzigen Zentren des geistlichen und kulturellen Lebens. Die seit 1830 in großer Zahl einwandernden deutschen Katholiken tendierten aufgrund der protestantischen Prägung der USA besonders stark zu geschlossenen Siedlungen, die bis in unsere Zeit eine hohe Stabilität aufweisen. So werden die von Eifelern und Rheinländern besiedelten Townships im östlichen Wisconsin bis heute im Volksmund als „Holy Land“ (Heiliges Land) bezeichnet. Evangelische Siedler schlossen sich oft Glaubensrichtungen an, die in der Heimat unbekannt waren, wie etwa den stark missionierenden Methodisten.

In der Kolonialzeit befand sich das Schulwesen weitgehend in kirchlicher Hand.

Vereine in Amerika
Fest-Kalender zum 16. Deutsch-Texanischen Bundes-Sänger-Fest in San Antonio 1887
Grußkarte vom Turn- und Sängerfest des Parific Kresies, Los Angeles 1911
Milwaukee Fahne des Zither-Clubs "Alpenklänge" 1942
Schmuckblatt des Nationalvereins für deutsche Auswanderer und Ansiedler

Nach der Gründung der USA wurden staatliche Schulen eingerichtet, die in Pennsylvania und anderen deutschen Siedlungsgebieten von vielen aus Furcht vor Sprachverlust, Säkularisierung, Schulpflicht und höherer Besteuerung abgelehnt wurden. Verbindliche Lehrfächer waren Lesen, Schreiben, Orthographie, englische Grammatik, Geographie und Rechnen. Ein großes Dilemma für viele Lehrer war die Vorschrift, den Unterricht in englischer Sprache zu halten. Dies war oft unmöglich, da die Immigrantenkinder bei ihrer Einschulung Englisch in der Regel nicht beherrschten. Da religiöser Unterricht in öffentlichen Schulen nicht erlaubt war, gründeten zahlreiche Kirchengemeinden eigene Unterrichtsanstalten. Insbesondere die katholische Kirche unternahm Anstrengungen zum Aufbau eines eigenen Schulwesens. Kirchengemeinden, die sich keine eigenen Schulen leisten konnten, erteilten Religionsunterricht in Sonntagsschulen.

1739 eröffnete Johann Christoph Saur in Germantown die erste rein deutschsprachige Druckerei Amerikas. Er verlegte eine Zeitung und druckte 1743 die erste Bibel in der Neuen Welt. Seine Almanache, Gesangbücher, religiöse Schriften und politischen Traktate fanden weite Verbreitung. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich ein recht bedeutendes deutschsprachiges Buchverlagswesen. Führend war die 1862 von einem Elsässer in Milwaukee gegründete George Brumder Publishing Company in Milwaukee. Brumder und andere Verleger publizierten zahlreiche Werke, die speziell für Deutschamerikaner verfasst wurden und weite Lebensbereiche abdeckten. Neben religiöser Literatur waren dies Kinderbücher, Schulbücher und Sachbücher, die praktische Hilfe in Beruf und Haushalt boten. Besonders bei den Pennsylvania Germans erfreute sich esoterische und okkulte Literatur großer Beliebtheit.

10. Thomas Nast - Der Künstler aus Landau

Thomas Nast wurde am 26. September 1840 in der Roten Kaserne in Landau als Sohn eines bayrischen Militärmusikers und seiner aus Offenbach am Main stammenden Ehefrau geboren.

Als er sechs Jahre alt war, wanderte seine Familie nach New York aus. Hier wurde Nasts besonderes Talent entdeckt und seine erstaunliche Karriere nahm ihren Anfang: Thomas Nast aus Landau avancierte zu dem bedeutendsten amerikanischen Karikaturisten des 19. Jahrhunderts.

Er entwarf nicht nur das Dollar-Zeichen und die bis heute verwendeten Symbolfiguren der Republikanischen- und Demokratischen Partei, Elefant und Esel, sondern er zeichnete auch den weltbekannten amerikanischen Weihnachtsmann, den Santa Claus.

Von Beginn an engagierte sich Nast auf Seiten der Union im Amerikanischen Bürgerkrieg. Besonders die Rechte der Schwarzen lagen ihm am Herzen. In der ersten Fassung sollte dieser Santa Claus für die Kinder Tröster in der Not des Krieges sein.

Am Ende des Bürgerkrieges erreicht Nasts Popularität ihren Höhepunkt. Doch dann, in einer harmoniebedürftigen Zeit der Ruhe und des Wiederaufbaus, waren seine bissigen zeichnerischen Kommentare nicht mehr gefragt. Nast wollte sich zudem mit neuen Drucktechniken wie der Lithographie nicht anfreunden und verlor sein gesamtes Vermögen in Spekulationsgeschäften.

1901 schenkte er dem amerikanischen Präsidenten Theodore Roosevelt ein Ölgemälde für dessen Kinder. Dieser bot ihm die Stelle eines amerikanischen Konsuls in Quaiaquil, Ecuador, an. Gesundheitlich angeschlagen und enttäuscht von der politischen Entwicklung Amerikas, starb Thomas Nast am 7. Dezember 1903.

Lange nach dem Tod des Künstlers übernahm Coca Cola 1931 den Santa Claus als Figur für seine Weihnachtswerbung, jedoch ohne Nast jemals als Autor zu erwähnen. 

Die Karikatur war in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Amerika völlig unterentwickelt. Nast orientierte sich in seinen Zeichnungen an europäischen Vorbildern, die er in England und Frankreich fand. Die beiden englischen Zeichner John Leech und Sir John Tenniel, die für die Satirezeitung „Punch“ arbeiteten, beeinflussten nachhaltig Nasts graphischen Stil. Von ihnen übernahm Nast das Symbol des „John Bull“ oder des britischen Löwen. Übten die Engländer subtile Kritik an den sozialen Verhältnissen, gaben sich die Franzosen dem Kampf für die Republik und Freiheit hin. Hauptvertreter war Honorè Daumier. Nast verband in seinem Werk diese beiden Strömungen.

In den ersten Jahren bei Leslie`s und Harper`s verbesserte Nast seine künstlerisch-technischen Fähigkeiten. Einzige Reproduktionsmöglichkeit seiner Bilder war bis in die 80er Jahre des 19. Jahrhunderts hinein der Holzstich. Dazu wurden die Vorzeichnungen mit feinen Sticheln in eine Holzplatte eingraviert, eine Technik, die Nast auch selbst beherrschte. „Harper´s Weekly“ führte 1880 eine neue, schnellere Reproduktionstechnik ein: Die Karikaturen wurden nun mit Tinte und Feder auf Papier gezeichnet und danach mittels eines photomechanischen Prozesses vervielfältigt. Nast konnte sich an das neue Medium nicht gewöhnen, seine Zeichnungen gerieten häufig zu dünn und wurden dadurch ausdruckslos und blass.

 

Thomas Nast
Santa Claus Zeichnung von Thomas Nast
Photographie von Thomas Nast

10.1 Esel und Elefant

Nichts eignet sich für einen Karikaturisten mehr als Tiere und die ihnen landläufig nachgesagten Eigenheiten. Tiere als Symbolgestalten oder Tiere mit menschlichen Gesichtern genügen, um eine gezielte Aussage einer Situation oder eines Sachverhaltes zu treffen. Thomas Nast setzte als erster Karikaturist in Amerika den beiden rivalisierenden großen Parteien je ein Tier als Symbol. Für die Republikanische Partei stand bis zum Beginn der 1870er Jahre der Tiger. Ab 1874 wurde aus dem Tiger ein großer, dicker, törichter Elefant. Die demokratische Partei symbolisierte er mit dem störrischen, widerspenstigen und dummen Esel. Beide Symbole sind bis heute aktuell.

Deutsche im Krieg
Zeitgenössisches Buch zum Amerikanischen Bürgerkrieg aus St. Louis
Germania Herold 1917 aus Milwaukee
Germania Herold 1917 aus Milwaukee
Germania Kalender von 1918 aus Milwaukee, Wisconsin

11. Wendejahre

Unter der Wahrscheinlichkeit amerikanischen Eingreifens in den 1. Weltkrieg verstärkten sich die Tendenzen zur Assimilierung unter den Deutsch-Amerikanern. In den Jahren 1917-1918 wurde die deutsch-amerikanische Minderheit als Repräsentant des Feindes im eigenen Land angesehen und hatte deshalb besonders unter Diskriminierungen zu leiden. Das vielschichtige deutsche Kulturleben der Vorkriegszeit kam fast vollständig zum Erliegen. Theater strichen deutschsprachige Stücke, deutsche Volksfeste wurden abgesagt und es fand kein Schulunterricht in deutscher Sprache mehr statt. Viele Familien anglisierten ihren Familiennamen (z.B. von Schmidt zu Smith, Müller zu Miller), fast alle schränkten den Gebrauch der deutschen Sprache stark ein.

Das Deutsch-Amerikanertum hat sich nach dem ersten Weltkrieg nicht wieder erholt und spielte im politischen und kulturellen Leben der USA nie wieder eine ähnlich bedeutende Rolle wie vor 1914. Der Kriegseintritt der USA 1917 stellte keine abrupte Zäsur dar, sondern war nur der vorläufige Höhepunkt einer Entwicklung, die schon weit fortgeschritten war. An der Loyalität der Deutsch-Amerikaner zu ihrer neuen Heimat bestand kein Zweifel.

Nach dem 1. Weltkrieg verbesserte sich die Einstellung gegenüber den Deutsch-Amerikanern wieder. Mit dem Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft stieg die Zahl der deutschen Einwanderer wieder an. Zahlreiche Deutsche fanden in den USA Schutz vor politischer und rassistischer Verfolgung. Bereits in den Monaten nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten flohen tausende, meist deutsch-jüdische Wissenschaftler, Künstler, Publizisten und Schriftsteller – Frauen und Männer – aus Deutschland.

Die Kriegserklärung Deutschlands an die Vereinigten Staaten vom 11. September 1941 markierte einen Einschnitt, doch war dieser nicht mehr so tiefgreifend wie 1917. Präsident Roosevelt versprach den Deutsch-Amerikanern, dass es nicht wieder zu Diskriminierungen kommen sollte wie im 1. Weltkrieg. Gleichwohl wurden in den USA zahlreiche deutsche Einwanderer der ersten Generation bespitzelt und interniert.

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Redaktionelle Betreuung: Björn Effgen und Yves V. Grossmann