Die rheinland-pfälzische Auswanderung nach Osteuropa im 18. und 19. Jahrhundert

1. Einleitung

Gründe für die Emigration

Wie in der Einführung zur Auswanderung geschildert, gab es verschiedene Gründe, weswegen Deutsche in der Zeit des 18. und 19. Jahrhunderts ihre Heimat verließen. So gehörte der deutsche Südwesten zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert zu der Region in Mitteleuropa, die mit die höchste Wanderungsintensität hatte. Den Verlauf der Wanderung spielten die Wechselfälle der Politik, von Krieg und Frieden eine hervorragende Rolle, allerdings weniger in dem Sinne, dass sie die Reise in weithin offene Räume erleichterten oder erschwerten, wie das für Nordamerika galt, als in dem Sinne, dass die Niederlassung in den Einwanderungsgebieten auf privatem oder staatlich beanspruchtem Land sehr viel stärker obrigkeitlich vorgesteuert und kontrolliert wurde. Politische Begebenheiten waren ein Faktor, der für die Emigration verantwortlich war. Vor allem die Länder des Oberrheins hatten im 17. und 18. Jahrhundert unter Kriegen zu leiden, so zum Beispiel unter dem Pfälzischen Erbfolgekrieg (1688 – 1697). Ein Jahrhundert danach rückten französische Truppen in Oberdeutschland ein und besetzten unter anderem das Rheintal. Nur wenige Jahre später (1803 – 1806) wurde die Kurpfalz aufgeteilt und die rechtsrheinischen Gebiete mit Heidelberg, Mannheim und Bruchsal an Baden abgetreten. All die genannten Umstände hatten die größte Emigration aus diesen Regionen nach Russland zu Folge. Überdies ergaben sich aus den Kriegen, Besetzungen etc. auch wirtschaftliche Probleme, welche durch Missernten und Steuererhöhungen erschwert wurden; hinzu kamen Verarmung, Verknappung der Landreserven, Herrscherwillkür. Insgesamt lässt sich sagen, dass zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert mehrere hunderttausend Menschen Südwestdeutschland (neben der  preußischen Rheinprovinz zählten dazu auch die Königreiche Bayern und Württemberg, sowie die Großherzogtümer Hessen-Darmstadt und Baden) verließen. Der Ort und die Wege der Emigration nach Osten sind im nachhinein schwierig zu klären, da die Auswanderung häufig in Stationen ablief und beispielsweise in der nächsten Generation weitergezogen wurde zB. von dem Banat weiter an das Schwarze Meer in Südrussland über die Donau und Odessa, wie in der Abbildung links.[Anm. 1]

 

Reiserouten aus Süwestdeutschland nach Süd-Osteuropa

Phasen der Emigration

Für den pfälzischen Raum sind uns erste Migrationsbewegungen bereits in den 1670er und 1680er dokumentiert. Den Beginn der Massenauswanderung des 18. Jahrhunderts markiert hingegen die erste Massenauswanderung von 13 000 – 15 000 Südwestdeutschen, die nach dem extrem strengen Winter von 1708/09 ihre vom Spanischen Erbfolgekrieg (1701 - 1717) in Mitleidenschaft gezogenen Heimat, verließen. Eine europaweite Hungerkrise von 1771 hat sich in der Osteuropa-Emigration mit dem Höhepunkt 1769/71 niedergeschlagen. Hier verbanden sich vor allem bei den ersten großen Emigrationswellen von 1689/93 und 1712 heimische Bedrängnis durch Fehlernten und Kriegstheater eng mit der kurzfristig gegebenen Chance, sich in der Fremde eine bessere Zukunft aufzubauen. So scheint in der Folgezeit nur noch die Periode 1769/1771 intensiv von einer Missernte in der Auswanderungsregion bestimmt zu sein, doch auch kleiner Schübe (1737, 1744, 1750ff) dürften vom schlechten Ernten mitbedingt worden sein. Ein Umstand, der in unregelmäßiger Regelmäßigkeit die wirtschaftlich schwachen Schichten besonders hart traf und zum Wegzug geneigt macht.[Anm. 2]

Zwischen der deutschen Auswanderung des 19. Jahrhunderts und den Vorläufern bestehen tiefgreifende strukturelle Unterschiede. Bis zum Ausgang des Jahrhunderts setzt sich die deutsche Auswanderung aus einer Reihe von Wellenbewegungen zusammen, zwischen denen die Auswanderung so stark nachließ, dass sie zeitweise ganz verschwand oder doch nur als ausgesprochene Einzelmigration weiterbestand. Die Auswanderung des neunzehnten Jahrhunderts hingegen ist ein stetig fließender Strom, der zwar ebenfalls Wellenberge und Wellentäler aufweist, aber niemals versiegte. Erst in der Zeit des Deutschen Bundes wird die Massenauswanderung zu einer ständigen Erscheinung, zu einem Dauervorgang dessen Kontinuität auch durch gelegentliches Absinken der Auswanderungsziffer nicht unterbrochen wird.[Anm. 3]

Allerdings ist anzumerken, dass in der Region des heutigen Rheinland-Pfalz religiöse Motive weniger Anlass zu Auswanderungen gaben, als es zum Beispiel in Württemberg der Fall war. Lediglich die pfälzischen Mennoniten wanderten aus religiösen Gründen primär nach Pennsylvania bzw. Galizien ab. Werbende Briefe und Berichte von bereits Emigrierten trugen hingegen weit mehr dazu bei, dass Deutsche aus ihrem Heimatland emigrierten. Die Ziele in Osteuropa waren hierbei vor allem Galizien, welches nach der ersten polnischen Teilung 1772 vorwiegend zu Preußen gehörte, und Ungarn mit der Besiedlung der Batschka und des Banats.

 

Zur Auswanderung nach Russland

VerfasserIn: Julia Semeras und Yves V. Grossmann

Anmerkungen:

  1. Häberle, Mark: "Pfälzer" in Europa seit dem 17. Jahrhundert, In: Enzyklopädie Migration in Europa - Vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart, hrsg. von Klaus Bade, Paderborn 2007, S. 846; Von Hippel, Wolfgang, Auswanderung aus Süddeutschland - Studien zur württembergischen Auswanderung und Auswanderungspolitik im 18. und 19. Jahrhundert, Stuttgart 1984 (=Schriftenreihe des Arbeitskreises für moderne Sozialgeschichte 36) S. 36. Zurück
  2. Häberle, Pfälzer, S. 847; Hippel, Auswanderung, S. 60; Auswanderer nach Südosteuropa im 18. Jahrhundert, zugst. von Stefan Stadler (=Schriftreihe zur donauschwäbischen Herkunftsforschung 1 bzw. Schriften zur Wanderungsgeschichte der Pfälzer 36), Darmstadt 1978. Zurück
  3. Smolka, Georg, Die Auswanderung als politisches Problem  in der Ära des Deutschen Bundes (1815-1866), Speyer 1995 (= Speyerer Forschungsberichte 128), 2. Auflage, S. 25 und 38f. Zurück