Auswanderung aus dem Daadener Land nach Amerika

Bei der Bearbeitung der Ortschronik meiner Heimatgemeinde Derschen und der Familienforschung ist aufgefallen, dass eine ungewöhnlich große Zahl von Einwohnern aus Daaden und den Nachbargemeinden ins Ausland ausgewandert ist. Da die weitaus größte Zahl der Auswanderer nach Nordamerika zog, habe ich meine Forschungen auf diese beschränkt.
Die stärksten Auswandererjahre waren um 1853, von 1883 bis 1884 und 1891 und 1892. In den Jahren 1882 bis 1885 war in Daaden der Agent August Klein tätig, der Geschäfte mit der Organisation von Auswanderungen machte. Offenbar war er sehr erfolgreich.
Nach Unterlagen der damaligen Amtsverwaltung Daaden wanderten alleine in den Jahren 1926 bis 1930 288 Personen in die USA, 31 nach Südafrika, 15 nach Holland, 14 nach Südamerika, 7 nach Russland, 4 nach Luxemburg, 3 nach Sumatra, jeweils 2 nach Spanien, Schweiz, Tirol und jeweils eine Person nach Kanada und Österreich aus. Die Ausreisewilligen mussten sich zu jeder Zeit mit den erforderlichen Ausreisegenehmigungen auseinandersetzen, denn jeder Auswanderer war für die Obrigkeit ein fehlender Steuerzahler. Ein Beispiel für einen Ausreiseantrag mit der vorgeschriebenen „Verwarnungs- und Belehrungs-Verhandlung“ finden wir in den Akten des Landeshauptarchivs in Koblenz im Bestand 441 Nr. 23049 aus dem Jahr 1870: Der in Emmerzhausen am 30. Juli 1853 geborene Ferdinand Schmidt, ledig, Bergarbeiter, nicht in einem Militärverhältnis, beabsichtigt sich im Staate „Jorra“? in Nordamerika niederzulassen.
Die Reisemittel erhält derselbe von seinem Vater. Verhandelt Daaden den 23. März 1870: „Dem Nebengenannten wurde durch den unterzeichneten Bürgermeister eröffnet, dass er im Falle der wirklichen Auswanderung die Rechte eines Preußischen Staatsangehörigen verliert und wenn er etwa mit der Zeit verarmt wieder zurückkehren sollte er unnachsichtlich an der Grenze zurückgewiesen und bei einem etwaigen Einschleichen als Landstreicher behandelt werden würde. Auch wurde er auf die vielen Gefahren und Beschwernisse der Übersiedelung nach Amerika, als wie auch auf die Bestimmungen in Betreff der Reisemittel mit dem Bedeuten aufmerksam gemacht, dass er sich über deren Besitz vor Aushändigung des Consenses ausweisen müsste.
Gleichzeitig wurden diejenigen Nachrichten mitgeteilt, die in dem Aufsatze des Dr. Schmitt aus Hamburg vom Oktober 1848 enthalten sind, ferner die Verhaltensmaßregeln der Direktion des Nachweisungs-Bureaus für Auswanderer zu Bremen (Regim.Verfügung der Regierung vom 30. September 1854, A. 1 Nr. 2706) so wie ein Exemplar des Memorial der Emigrations-Kommission zu New York mitgeteilt.
Dem Antragsteller wurde noch der Rath erteilt, mit keiner Agentur einen Überfarthsvertrag zu schließen und ebenso wenig befugt seine Reise in das Innere des Landes vorher zu contrahiren und den Weg zum Antritt der Reise über Bremen zu nehmen.
Nach gehöriger Verwarnung erklärte er bei seinem Vorhaben zu verharren und hat nach Vorlesung unterschrieben.“ Friedrich Schmidt hat sich wohl diese Verwarnung sehr zu Herzen genommen und hat auf eine Ausreise verzichtet! Die ersten nachgewiesenen Auswanderer aus dem Raum Daaden waren die Brüder Johann Conrad und Johann Peter Jung aus Daaden, die um 1750 nach Philadelphia reisten und auch dort gestorben sind.

Im Jahr 1753 entschlossen sich mehrere Familien aus dem Daadener Raum, in die USA auszuwandern. Heute scheint dieser frühe Zeitpunkt äußerst ungewöhnlich, wenn man die enormen Strapazen bedenkt, die mit der Überfahrt und den anschließenden Unwägbarkeiten eines fremden Landes auf die Auswanderer zukamen. Anläßlich dieser schweren Entscheidung fragen wir uns heute, was der Auslöser für diesen Entschluß war. Hierüber kann man natürlich nur Vermutungen anstellen: War es die bittere
Armmut, welche die Bauern im Westerwald ertragen mußten? Waren es die ewigen Gängeleien der weit entfernt residierenden Landesherren, wie die Herzöge von Sachsen-Weimar-Eisenach und die Markgrafen von Brandenburg-Onolzbach oder
waren es fremde Soldaten, die durch den Westerwald zogen und der armen Bevölkerung die letzten Lebensmittel und sogar das Vieh abnahmen? Einer der Beweggründe kann jedoch auch die Tatsache sein, daß zu dieser Zeit schon die ersten
Auswanderer, die um 1710 nach Amerika gesegelt waren, zu Besuchen oder um ein Erbe anzutreten in den Westerwald zurückkamen und ihre neue Heimat in den höchsten Tönen lobten. Auch erreichten Briefe die Verwandten Zuhause, in denen mitgeteilt wurde "dass hier ein Mann in Frieden leben kann, besser als ein Adliger unter Euch.“
Es kam sogar so weit, dass Auswanderer, die in die alte Heimat zu Besuch kamen, hier eingesperrt wurden und nach wenigen Tagen aus dem Land gewiesen wurden, weil sie die Bevölkerung „aufwiegelten und zur Auswanderung ermutigten.“
Im Bestand des Landeshauptarchives in Koblenz Abt. 30 Nr. 39 befinden sich ausführliche Akten der damaligen Landesherren, den Markgrafen von Brandenburg – Onolzbach (Ansbach) mit dem Titel: „Acta betr. dass denen armen Inwohnern zu Daaden und Biersdorf gnädigst verstattet worden, ihre Häuser zum Abbruch zu verkaufen und nach America abreisen zu dürfen.“ Eine Kopie dieser Akte befindet sich im Besitz der Library of Congress in Washington, was die Wichtigkeit dieser Akten unterstreicht. Im März 1753 schrieb die Kanzlei in Altenkirchen an den Landesherren: „In der ganzen hiesigen Grafschaft sind wohl keine Gemeinden mit Mannschaften und Rauch-Stätten derart zu ihrem größten Nachteil und Schaden übersetzet, als Daaden und Biersdorff. Es sind nun dermalen verschiedene Inwohner entschlossen, noch im instehenden Frühjahr nach America zu ziehen, dafern ihnen erlaubt wird, ihre meist baufälligen und schlechte Hütten zum Abbruch zu verkaufen.
Die zum Abzug gesonnenen Unterthanen haben baldige Resolution gebeten, damit ihre
Abkäufer sich zeitig um das benötigte Geld zur Bezahlung bewerben können.“
Die betroffenen Auswanderer waren Johannes Wilhelm Höfer zu Daaden, Johann Peter
Meyer zu Daaden, Johann Gerlach Klein zu Daaden, Johann Cregeloh zu Daaden, Johann Engel Jung zu Biersdorf, Johann Peter Crämer zu Emmerzhausen, Martin Tiel zu Derschen, Johann Anton Klöckner zu Derschen und Johann Peter Braun zu Daaden.
Diese reisten alle mit ihren Frauen und Kindern und zum Teil weiteren Familienangehörigen aus, insgesamt waren es ca. 65 Personen, die ihre Heimat im Raum Daaden verließen.
Da der gräflichen Verwaltung durch den Verkauf und Abbruch der Häuser Einnahmen durch Dienstgeld, Hühner- und Brotgeld verloren ging, war zu befürchten, dass der Landesherr die Anträge ablehnen würde. Amtsverwalter Georg Ludwig Billing zu Friedewald befürwortete die Anträge und machte Vorschläge zum Ersatz der verlorenen Steuern. Im Falle des Johann Peter Braun schreibt er, „dass dieser sein Haus an die Gemeinde daselbst und diese solches wieder zum Abbruch nach Salchendorf verkauft hat. Der Verkäufer ist ein schlecht bemittelter Unterthan, der auch sogar seine geraden Glieder nicht, sondern nur ein Bein hat und mit Schulhalten sich nährt.“
Am 16. April 1753 wurde „denen nach America zu ziehen willens seyende Untertahnen zu Daaden und Biersdorff die Verkauffung der Häuser erlaubet.“ Johann Peter Klein beschreibt in seinen Aufzeichnungen über die Auswanderung, dass sie am 2. Juni 1753 die Heimat verlassen hätten und am 2. Oktober 1753 Philadelphia erreichten. Johann Engel Jung, Johann Wilhelm Höfer, Johann Anton Klöckner und Johann Gerlach Klein reisten mit der „Edinburgh“, die am 2. Oktober in Philadelphia ankam. Weiter finden wir in der Schiffsliste der „Edinburgh“ folgende Familien: Johann Friedrich Böhmer aus Daaden, Johann Wilhelm Buhl aus Daaden, Johann Gerlach Mudersbach aus Emmerzhausen, Johannes Reinschmidt aus Daaden und Johann Heinrich Stolz aus Biersdorf, Johann Gerlach Wisser aus Weitefeld und Johann Wilhelm Wollenweber aus Daaden. Johann Peter Braun, Johann Peter Crämer, Johann Cregeloh, Martin Tiel und Johann Peter Meyer reisten mit der „Rowand“, die am 29. September 1753 in Philadelphia anlegte.
Auf der „Rowand finden wir auch Johann Stefan Klöckner aus Derschen, den Bruder von Johann Anton Klöckner. Die ausführlichsten Aufzeichnungen sind von den Familien Klöckner erhalten. Diese Familie begab sich im Juni 1753 von Daaden aus auf den äußerst beschwerlichen Weg zunächst nach Neuwied und dann nach Rotterdam und stach von dort zusammen mit 42 anderen Familien in Richtung Philadelphia in See.
Johannes Stefan Klöckner, am 10. Januar 1727 in Derschen geboren, heiratete seine Frau Anna Elisabeth Knautz am 20. April 1753 in Daaden.
In ihrer Begleitung befanden sich sein Bruder Johann Anton Klöckner, geb. am 8. März 1719 in Derschen und seine Frau Elisabeth Margarethe Fischbach aus Daaden gemeinsam mit den Kindern Engelbert, geb. am 13. Sept. 1747, Johann Stefan, geb. am 12. Aug. 1750 und Tochter Margaretha, geb. 1752. Weiterhin befand sich Johann Peter Klöckner in Ihrer Begleitung, der aber entweder umgekehrt oder auf der Reise verstorben ist. Auch ist es möglich, dass dieser bei einer Zwischenlandung in Cowes auf der englischen Insel Wight von Bord gegangen ist.
Johann Stefan und Johann Anton nannten sich nach der Ankunft in der neuen Heimat Stefan Kleckner und Antony Kleckner und lebten zunächst bis 1760 in Germantown, einem Vorort von Philadelphia, in dem schon viele deutsche Auswanderer wohnten.
Antony und Elisabeth bekamen in Germantown weitere sechs Kinder, die sie in der St. Michael's Lutherian Church tauften.
Nach ihrem Aufenthalt in Germantown zog Antony mit seiner Familie nördlich in den Ort Lower Saucon in Northampton County. Dort kaufte er in den Jahren 1779 und 1783 mehr Land und gründete den Ort Klecknersville, wo noch heute zwei aus Feldsteinen gebaute massive Häuser aus dieser Zeit vorhanden sind, in denen die Klöckners gelebt haben. Antony starb dort im Jahr 1804. Stefan Klöckner zog ebenfalls von Germantown nach Norden und lebte zuletzt in Brunswick (Braunschweig) in Berks County in Pennsylvania. Er starb im Jahr 1787 und hinterließ wie sein Bruder Antony eine sehr große Nachkommenschaft, die noch heute hauptsächlich im nordöstlichen Pennsylvania lebt. Am 23. März 1753 schlossen Johann Stefan, Johann Anton und Johann Peter Klöckner mit dem Kapitän des Schiffes „Rowand“ Daniel Havart aus Rotterdam einen Vertrag, der die Modalitäten der Überfahrt regeln sollte.
Der Text des Kontraktes zwischen den Auswanderern und dem Kapitän der „Rowand“ lautet wie folgt:

Wir die unterzeichnenden bestätigen und sind fortan einverstanden mit den Bedingungen des Vertrages von Daniel Havart aus Rotterdam, auf folgende Weise:
Erstens: Der oben genannte Daniel Havart erklärt sich bereit, uns den Unterzeichnenden, ein komfortables Schiff für die Überfahrt von Rotterdam nach Philadelphia zu besorgen. Zu diesem Zweck sollte das Schiff mit Schlafplätzen auf dem Zwischendeck für jeden Erwachsenen von uns ausgestattet sein. Das heißt jeder einzelne Erwachsene gilt als vollständige Fracht. Die Schlafplätze sollten an beiden Seiten des Schiffes sein und eine Größe von 6 Fuß und 1½ Fuß haben, damit die Überfahrt für jeden von uns bequem und in privater Atmosphäre stattfinden
kann.
Zweitens: Das Schiff soll mit genügend Proviant ausgerüstet sein, das heißt frisches Brot, Mehl, Fleisch mit Erbsen, Reis, Bohnen, Grütze, Butter, Käse und vieles mehr.
Das alles soll für uns, die Unterzeichnenden vom ersten Tag an Bord des Schiffes von Rotterdam nach Philadelphia zur Verfügung stehen. Es soll wie folgt gehandhabt werden:
Sonntags. 1 Pfund Fleisch mit Erbsen, Reis oder Bohnen.
Montags: 1 Pfund Mehl pro Mahlzeit
Dienstags: ½ Pfund Schinken mit Erbsen, Reis oder Bohnen.
Mittwochs: 1 Pfund Mehl pro Mahlzeit.
Donnerstags: 1 Pfund Fleisch mit Erbsen, Reis oder Bohnen.
Freitags: 1 Pfund Butter, ½ Pfund in Salz eingelegten Kabeljau mit Erbsen, Reis oder Bohnen.
Samstags: 6 Pfund Brot, 1 Pfund Käse und eine Erbsensuppe. Ebenso verlangen wir ein Maß Bier am Tag, so lange es gut erhalten ist, und ein Maß Wasser. Sollte das Bier schlecht werden, so verlangen wir 2 Maß Wasser am Tag.
Ferner sollte von morgens 6 Uhr bis abends 6 Uhr eine Feuerstelle zum Kochen und zum Wärmen der kranken und kleinen Kinder bereit stehen, sofern es das Wetter und der Wind zulassen. Zur Vorsorge gegen Übelkeit an Bord sollten zwei Fässer Essig und ein Fass Branntwein zur Stelle sein. Ebenso Gewürze und notwendige Medikamente, damit keiner von uns erkrankt oder sogar sein Leben lassen muss, weil es an diesen Dingen mangelt. Der Fahrpreis wird gemäß des Alters einer Person berechnet:
Kleine Kinder unter vier Jahren haben kostenlose Überfahrt. Kinder von vier bis vierzehn Jahren bezahlen die Hälfte. Personen über vierzehn Jahre müssen den vollen Fahrpreis zahlen unter folgender Vereinbarung:
Alle Personen, die den vollen Preis oder zumindest die Hälfte davon zahlen, zahlen in Rotterdam erst einmal 7 ½ Pistolen. (Anm.: Pistole war eine im Jahr 1740 von Friedrich II eingeführte Goldmünze. Der Wert betrug 5 Taler.) Diejenigen, die nicht in der Lage sind zu bezahlen, müssen etwas Vergleichbares im Wert von 8 Pistolen für ihre Überfahrt zahlen. Um die Passagiere zu entlasten, wird ihr Gepäck ohne weitere Kosten nach Philadelphia mitgenommen.

Verfasser: Volker Rosenkranz