Die Auswanderung aus Frankenthal

Die Bevölkerung der Stadt Frankenthal war um das Jahr 1600 um die 800 Einwohner groß. Bedeutung in der städtischen Wirtschaft besaßen die Goldschmiede und die Maler.[Anm. 1] Bedeutende Handelsstädte wie Hamburg, Köln und Frankfurt am Main verfügten immer über einen Anziehungspunkte für Auswanderer aller Art. Frankenthal wurde hingegen durch die „Frankenthaler Gründungskapitulation“ besonders attraktiv. Denn Emigranten wurde darin Prediger der freie eigenen Wahl und Sprache zugestanden. 1565 folgt eine Bestätigung mit erweiterten wirtschaftlichen Nutzungsrechten. Diese Bestimmungen zogen besonders viele Emigranten nach Frankenthal.[Anm. 2]

Die Malerkolonie von Frankenthal war eine Besonderheit, denn sie war eine gezielte Förderung von Johann Casimir von Pfalz-Lautern (1543–1592). Besonders viele calvinistische Familien aus den spanischen Niederlanden flüchteten in die calvinistische Kurpfalz nach Frankenthal. Unter ihnen waren viele im Kunstbetrieb tätig, so dass sich ein Zentrum der altniederländischer Kunst im 17. und 18. Jahrhundert am Oberrhein entwickeln konnte. Dieser künstlerische Einfluss ist bis heute in Frankenthal verblieben und wird vor Ort immer noch gepflegt. Einer der bedeutendsten niederländischer Landschaftsmaler, Gillis van Coninxloo (1544–1607) flüchtete 1585 aus Antwerpen in die Pfalz.[Anm. 3]

Im Jahr 1571 fand das so genannte „Frankenthaler Disput“ statt, bei dem Vertreter verschiedener Glaubensrichtungen religiöse Fragen diskutierten. Hans Büchel aus Murau bei Salzburg, ein Amisch, verteidigte seine Glaubensrichtung. Später verfasste er darüber einige Liedtexte, die bis heute bei den Amisch in Nordamerika präsent sind; die „Frankenthal Disputation“ ist bis heute vielen ein Begriff.

Bekannte Auswanderer aus Frankenthal sind die Familie von Berta Keim geb. DeTurk (1686–1726), die gemeinsam mit ihrem Mann Johannes Keim (1685–1753) das erste Siedlerehepaar in Oley Valley in Pennsylvania war. Heute ist der Ort ein „National Historic District.“ Andere Teile der Familie DeTurk siedelten sich in New York am Westufer des Hudson River an. Sie gründeten 1709 den Ort Neuburg (heute Newburgh, Orange County), das nach dem Geschlecht der damaligen pfälzischen Kurfürsten benannt wurde. Aus Frankenthal stammte ebenfalls Jakob Vatter (1759–1832), der 1775 mit seiner Familie nach Amerika auswanderte und dort für die Unabhängigkeit kämpfte. Jacob Vatter hat heute mehr als 10.000 Nachkommen, die meisten in Preston County (West Virginia).

Der weitere Verlauf der Auswanderung während dem 19. Jahrhundert lässt sich nur schwer rekonstruieren. Es ist aber wahrscheinlich, dass Frankenthal wie alle pfälzischen Städte und Gemeinden mehreren Auswanderungswellen zwischen 1848/49 und 1890 erlebte.

Die jüdische Zwangsemigration während der NS-Diktatur lässt sich hingegen wieder sehr genau belegen. Schon 193 verließen 41 jüdische Gemeindemitglieder Frankenthal. Zwischen 1933 und 1940 emigrierten mindestens 74 jüdische Mitbürger direkt ins Ausland und 124 verzogen innerhalb Deutschlands. Nach Gurs wurden am 22. Oktober 1942 insgesamt 39 Juden deportiert.[Anm. 4]

Nachweise

Redaktionelle Bearbeitung: Yves V. Grossmann und Dominik Kasper

 

Verwendete Literatur:

  • Bütfering, Elisabeth: Niederländische Exulanten in Frankenthal – Gründungsgeschichte, Bevölkerungsstruktur und Migrationsverhalten, In: Kunst – Kommerz – Glaubenskampf – Frankenthal um 1600, hrsg. von u.a. Edgar J. Hürkey, Worms 1995, S. 37-47.
  • Kaller, Gerhard: Bevölkerung und Gewerbe in Frankenthal, Neustadt und Lambrecht am Ende des 16. Jahrhunderts, In: Aus Stadt- und Wirtschaftsgeschichte Südwestdeutschlands – Festschrift für Erich Maschke zum 75. Geburtstag, Stuttgart 1975, S. 146-171.
  • Kißener, Michael: Kleine Geschichte des Landes Rheinland-Pfalz, Leinfelden-Echterdingen 2006.
  • Papenbrock, Martin: Landschaften des Exil – Gillis van Coninxloo und die Frankenthaler Maler, Köln 2001 (= Europäische Kunststudien 12), zugl. Habil. Osnabrück.
  • Paul, Roland/ Theobald, Paul: Diskriminiert, verfolgt, ermordet – Die Frankenthaler Juden, In: Frankenthal unterm Hakenkreuz – Eine pfälzische Stadt in der NS-Zeit, hrsg. Von Gerhard Nestler, S. 327-352.
  • Schmahl, Helmuth: Verpflanzt, aber nicht entwurzelt – Die Auswanderung aus Hessen-Darmstadt (Provinz Rheinhessen) nach Wisconsin im 19. Jahrhundert, Frankfurt 2000 (= Mainzer Studien zur Neueren Geschichte 1), zugl. Mainz Diss. 1999.

 

Informationen wurden von dem Deutsch-Pennsylvanischen Arbeitskreis e. V. (DPAK) zusammengetragen und zur Verfügung gestellt

 

Erstellt: 13.10.2011

Anmerkungen:

  1. Kaller, Bevölkerung, S. 147f und 152ff. Zurück
  2. Bütfering, Exulanten, S. 37f. Zurück
  3. Papenbrock, Landschaften des Exils, S. 1ff, 26ff und 183ff. Zurück
  4. Paul, Frankenthaler Juden, S. 331 und 341ff. Zurück