Die Auswanderung aus Kastellaun

Die heutige Stadt Kastellaun leitet ihren Namen von der gleichlautenden Burg der Grafen von Sponheim ab. Kastellaun ist seit der ersten nachchristlichen Jahrtausendwende beurkundet und besitzt seit dem Anfang des 14. Jahrhunderts sogar das Stadtrecht. Seit dem Ausgang des Mittelalters bis zu der französischen Revolution war Kastellaun im Besitz der Familienzweige von Pfalz-Zweibrücken und Pfalz-Simmern.

Kastellaun blieb bis in das 19. Jahrhundert hinein eine ländliche Kleinstadt und wurde nur von einer begrenzten Anzahl von Bürgern bewohnt. Am 28. Dezember 1305 hatte der Graf Simon II. von Sponheim Kastellaun das Stadtrecht verliehen, mit insgesamt nur 28 Familien – ca. 100 Personen. Bis zum Ende des 16. Jahrhunderts ist diese Anzahl erstaunlich konstant geblieben.[Anm. 1] Indizien von temporärer Arbeitsimmigration oder gar Auswanderungen finden sich nicht.

Ein großer Einschnitt war, wie für viele Regionen im Südwesten des Heiligen Römischen Reichs, der Dreißigjährige Krieg, der viele Verwüstungen, Besetzungen und die Pest brachte. Der Pfälzische Erbfolgekrieg führte 1689 sogar zur Zerstörung von Burg und Stadt. Die Entwicklung der Einwohnerzahl zwischen dem 16. und dem 18. Jahrhundert lässt sich durch reichhaltiges Quellenmaterial gut rekonstruieren. Im Jahr 1580 lebten insgesamt 27 Familien in Kastellaun, um 1600 sogar schon 54 Familien. Durch die beiden großen Kriege blieb die Anzahl der Familien ein ganzes Jahrhundert bei ungefähr 50 konstant. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts hatten sich die Einwohner verdreifacht, auf über 150 Familien – also ca. 500 Menschen.[Anm. 2] Der Geburtenüberschuss lag bei 3,5 pro 1000 Einwohner, was im Vergleich zu den Nachbarorten und zum Hunsrück doch recht wenig ist.[Anm. 3] Das Phänomen der Auswanderung lässt sich leider jedoch aus den Quellen nicht schlüssig belegen oder gar herleiten.

Während der ganzen Frühen Neuzeit waren es besonders häufig die Frauen, die für die Eheschließungen ihre Heimatorte verließen und zu ihren Ehepartnern zogen. Der Grund dürfte darin liegen, dass damals meistens die Männer die notwendigen Mittel für die Versorgung einer Familie besaßen.[Anm. 4] Anhand dieser „Heiratsmigration“ lässt sich jedoch eine Netto-Aus- bzw. Einwanderungsbilanz für Kastellaun berechnen. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gewann die Stadt Kastellaun durch Heiraten in der lutherischen Gemeinde 32 Männer und 74 Frauen, verlor jedoch zeitgleich 18 bzw. 30. Dies entspricht für den Zeitraum von 50 Jahren insgesamt 58 Neubürgern und bei einer Stadtbevölkerung von ca. 500 Menschen annähernd 10%.[Anm. 5]

Zwischen 1793/94 und 1815 war die Stadt Kastellaun französisch, nach dem Wiener Kongress dann Teil der preußischen Rheinprovinz. Die Hunsrücker Auswanderungswellen während dem langen 19. Jahrhundert fanden auch in Kastellaun statt. Die beiden Höhepunkte waren 1853 mit 86 und 1857 mit 180 Kastellaunern, die nach Nord- und Südmerika auswanderten. Zwischen 1857 und 1869 gingen 381 Personen über den Atlantik.[Anm. 6] Die Brasilienauswanderer aus Kastellaun siedelten sich besonders in Petropolis im Quarteirão Castellanea.[Anm. 7]

Verfasser: Yves Vincent Grossmann

Verwendete Literatur:

  • Augenblicke – Von Kestilun nach Kastellaun, hrsg. von der Stadt Kastellaun, Dommershausen 2008 (= Kastellaun in der Geschichte 8).
  • Göttert, Horst-Dieter: Aufbruch nach Brasilien – Die Familie aus Buch/Hunsrück, Beckingen 1999.
  • Leonhard, Otto: Geschichte der Stadt Castellaun – Ein Beitrag zur deutschen Wirtschafts- und Rechtsgeschichte von 1300 bis 1800, Würzburg 1921.
  • Peil, Josef (Hrsg.): Streiflichter Zeugnisse aus dem Leben der Stadt Kastellaun und ihrer Bewohner, Band 4, Dommershausen 1996.
  • Saunders, Timothy: Familie, Fortpflanzung und Bevölkerungsentwicklung im Hunsrück – Eine historisch-demographische Untersuchung der Lebensverhältnisse und gesellschaftlichen Strukturen in Kirchberg, Kastellaun und Gemünden 1650-1800, Frankfurt am Main 1995 (= Europäisches Hochschulschriften 3), Zugl. Mainz Diss. 1993.
  • Többen, Klaus: Die Gesundheitsverhältnisse der Bevölkerung auf dem Hunsrück vom 16. bis zum 18. Jahrhundert – Dargestellt am Beispiel der Stadt Kastellaun 1568-1798, Sprockhövel 1995, (= Schriftenreihe der Familienstiftung Pies-Archiv 17).

Erstellt: 26.09.2012

Anmerkungen:

  1. Többen, Gesundheitsverhältnisse, S. 68f. Zurück
  2. Többen, Gesundheitsverhältnisse, S. 68ff; siehe auch Leonhard, Castellaun, Anlage 5. Zurück
  3. Saunders, Bevölkerung, S. 126. Zurück
  4. Saunders, Bevölkerung, S. 222ff. Zurück
  5. Saunders, Bevölkerung, S. 224. Das gleiche Phänomen erklärt auch, dass der relative Anteil der Katholiken in Kastellaun von 30% (1701) auf 18% (1742) sank, Többen, Gesundheitsverhältnisse, S. 72. Zurück
  6. Keller, Von Kastellaun nach Castelanea, In: Peil, Kastellaun, S. 180. Zurück
  7. Keller, Von Kastellaun nach Castelanea, In: Peil, Kastellaun, S. 176f. Zurück