Die Auswanderung aus Worms

Die Nibelungenstadt Worms war eines der salischen Herrscherzentren am Rhein. Worms, durch Friedrich Barbarossa faktisch zu einer freien Reichsstadt erhoben, war das ganze Mittelalter über Ort von vielen Reichs- und Hoftagen. Lebten Anfang des 17. Jahrhunderts noch an die 7 500 Einwohner, verringerte sich die Bevölkerung der Reichsstadt durch den Dreißigjährigen Krieg auf 4 500 Bewohner. Das einschneidenste Ereignis war für Worms – wie für viele Städte und Orte in der Pfalz und Rheinhessen – der Pfälzische Erbfolgekrieg, in dem die Stadt quasi zerstört wurde. 1690 sollen 116 Bürger, 24 Witwen und 40 Beisassen, 1691 133 Bürger, 13 Witwen und 61 Beisassen mit ihren Familien in den Trümmern gelebt haben. Alle anderen Einwohner waren entweder gestorben oder gezwungen, aus ihrer Heimatstadt auszuwandern. Die Auswanderungsrate aus Worms im 17. und 18. Jahrhundert ist kaum bekannt. Wir wissen wenig über die Emigration der Wormserinnen und Wormser während der Frühen Neuzeit. Die Zerstörung der Stadt und der langwierige Wiederaufbau erschweren die Aktenlage hierbei zusätzlich.[Anm. 1]

Während der Napoleonischen Zeit war Worms französisch und gehörte seit dem Wiener Kongress als Teil von Rheinhessen zum Großherzogtum Hessen. Worms war im 19. Jahrhundert der Sitz vieler Auswandereragenturen. Sie vermittelten hauptsächlich Amerikareisen an die Bevölkerung aus dem Umland. Ein genauer Überblick zur Migration in Worms ist leider noch nicht erarbeitet worden, auswanderungswillige Stadtbevölkerung gab es aber wahrscheinlich kaum. Die Auswanderung und die Auswanderungsagenturen sind wohl immer noch ein Forschungsdefizit in der ansonsten schon sehr gut erforschten Stadtgeschichte. Worms war, vor allem im Vergleich zu Rheinhessen und der Pfalz, seit den 1830er Jahren einer verstärkten Industrialisierung ausgesetzt und damit vielmehr ein Anziehungspunkt von Arbeitmigration.[Anm. 2]

Eine Bevölkerungsgruppe wurde im Gegensatz zum allgemeinen Stadttrend das ganze 19. Jahrhundert sehr von der Migration geprägt: Die jüdische Gemeinde von Worms hatte mit Speyer und Mainz schon seit dem Mittelalter eine herausragende Bedeutung in der jüdischen Gelehrtenwelt. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts stieg zunächst der Anteil der jüdischen Gemeindemitglieder an der Gesamtbevölkerung von 7,5% auf knapp 10% zu Jahrhundertmitte. Während der zweiten Hälfte des Jahrhunderts sank dieser Anteil wieder. Die Auswanderung einzelner Gemeindemitglied und die Zuwanderung von Arbeitern nach Worms verschoben diesen relativen Bevölkerungsanteil zunächst, der dann aber nach der Jahrhundertwende erstaunlich konstant blieb.[Anm. 3] Während der NS-Diktatur wurden auch die Wormser Juden vertrieben und deportiert. Insgesamt gelangen 643 Gemeindemitgliedern die Auswanderung, davon gingen 24% (also 159) in die USA, 18% (also 116) nach Palästina, 10% (also 62) nach Lateinamerika und 43% (also 279) verteilten sich in Europa.[Anm. 4] Alle Juden, denen die Auswanderung nicht gelang, wurden deportiert.

Redaktionelle Bearbeitung: Yves V. Grossmann

 

Verwendete Literatur:

  • Bentz, Hans: Die Gliederung und Entwicklung der Berufsbevölkerung in Rheinhessen, Gießen 1930 (=Arbeiten der Anstalt für Hessische Landesforschung an der Universität Gießen, Geographische Reihe 9).
  • Bönnen, Gerold: Geschichte der Stadt Worms, Stuttgart 2005.
  • Das Auswandererbuch der israelitischen Religionsgemeinde in Worms 1931–1941, In: Dokumentation zur Geschichte der jüdischen Bevölkerung in Rheinland-Pfalz und im Saarland von 1800 bis 1945, Koblenz 1974, S.47–112; mit einer Einleitung von Henry R. Hutenbach, S. 1–46.
  • Detler, Johannes: Verbrannt, verboten – verdrängt? Ausstellungskatalog der Stadtbibliothek Worms zum 40. Jahrestag der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933, Worms 1973.
  • Kißener, Michael: Kleine Geschichte des Landes Rheinland-Pfalz, Leinfelden-Echterdingen 2006.
  • Mahlerwein, Gunter: Die Reichsstadt Worms im 17. und 18. Jahrhundert, In: Geschichte der Stadt Worms, hrsg. von Gerold Bönnen, Stuttgart 2005, S. 291-352.
  • Reuter, Fritz: Warmasia– 1000 Jahre Juden in Worms, Frankfurt 1987, 2. Auflage.
  • Reuter, Fritz: Karl Hofmann und "das neue Worms". Stadtentwicklung und Kommunalbau 1882-1918, Darmstadt 1993 (= Quellen und Forschungen zur hessischen Geschichte 91), zugl. Diss. Mainz 1992.
  • Reuter, Fritz: Zwischen Integration und Vernichtung. Juden in Worms im 19. und 20. Jahrhundert am Beispiel des Lehrers und Historikers Samson Rothschild (1848–1939), In: „Eine nationalsozialistische Revolution ist eine gründliche Angelegenheit“, hrsg. von Hans-Georg Mayer und Hans Berkessel, Mainz 2000 (= Die Zeit des Nationalsozialismus in Rheinland-Pfalz 1), S. 244–252.
  • Reuter, Fritz: Zwischen Reaktion und hessischer Städteordnung, In: Geschichte der Stadt Worms, hrsg. von Gerold Bönnen, Stuttgart 2005, S. 441-478.
  • Rommel, Martina: Die Wormser und ihre Stadt 1750-1875, Demographische, soziale und konfessionelle Aspekte des Wandels von der Ackerbürger- zur Fabrikarbeiterstadt, Darmstadt 1996 (= Quellen und Forschungen zur hessischen Geschichte 107), zugl. Diss. Mainz.
  • Schmahl, Helmuth: Verpflanzt, aber nicht entwurzelt – Die Auswanderung aus Hessen-Darmstadt (Provinz Rheinhessen) nach Wisconsin im 19. Jahrhundert, Frankfurt 2000 (= Mainzer Studien zur Neueren Geschichte 1), zugl. Mainz Diss. 1999.
  • Strakosch-Graßmann, Gustav: Beiträge zur Geschichte der Aus- und Einwanderung zu Worms und Umgebung vom 14. bis zum 18. Jahrhundert, In: Der Wormsgau 1 (1926–33), S. 344–349.

 

Erstellt: 16.02.2012

Anmerkungen:

  1. Mahlerwein, Reichsstadt, S. 298ff und S. 325ff sowie Rommel, Wormser und ihre Stadt, S. 145ff. Zurück
  2. Schmahl, Auswanderung, S. 54 und Reuter, Stadtentwicklung, S. 25f sowie ders., Zwischen Reaktion und hessischer Städteordnung, S. 447. Zurück
  3. Reuter, Zwischen Integration und Vernichtung, S. 247. Zurück
  4. Eine genaue edierte Auflistung dieser Einzelschicksale ist in der Dokumentation zur Geschichte der jüdischen Bevölkerung in Rheinland-Pfalz und im Saarland von 1800 bis 1945, S. 47-110 sowie in einer Liste von weiteren Emigraten während NS-Zeit bei Detler, Verdrängt? S. 24f; Reuter, Warmasia, S. 191ff. Zurück