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Auswandererbriefe als historische Quelle

Auswandererbriefe stellen für Heimatforscher, Genealogen und Historiker eine wichtige historische Quelle dar. Jenseits von Auswanderungsstatistiken und behördlichen Akten bieten Briefe dem Historiker die Möglichkeit die Auswanderung aus dem subjektiven Blick der Menschen zu betrachten.[Anm. 1] Doch nicht nur dem Historiker werden wertvolle Informationen geliefert. Germanisten wie Kulturanthropologen eröffnen sich Forschungsmöglichkeiten. Der Erhalt der ehemaligen Muttersprache oder die Verschriftlichung des Dialekts könnten Themen sein. Es lassen sich aber auch Erkenntnisse über die Alltagskultur, das Vereinswesen und die Festkultur gewinnen, oder den Erhalt des mitgebrachten Brauchtums.[Anm. 2]Wie jede sonstige historische Quelle bedarf der Auswandererbrief jedoch einer kritischen Überprüfung.

Was lässt sich über den Verfasser und Adressaten herausfinden? Wie alt war der Schreiber, welchen Beruf übte er aus, und in welcher Beziehung stand er zum Empfänger. Wann und wo entstand der Brief? All diese Informationen können nützlich sein, möchte man den Wahrheitsgehalt des Briefes ermitteln.

Meist zum ersten Mal in ihrem Leben schrieben die Auswanderer Briefe an ihre Familie und Bekannte. Zum Teil erstreckte sich dieser Briefkontakt über mehrere Jahre oder gar Jahrzehnte. Angesichts der Distanz zwischen Aus- und Einwanderungsland stellte der Brief die einzig mögliche Form der Kommunikation dar. Dementsprechend fand viel Alltägliches Einzug in die Briefe. Geburten, Hochzeiten, Sterbefällen, Unwetter, Ernteergebnisse sind die Hauptinformationen, die sich finden lassen.[Anm. 3] Das persönliche Umfeld stand im Vordergrund. Politische Ereignisse fanden meist nur dann Einzug in die Briefe, wenn sie das eigene Leben berührten. Zudem ist davon auszugehen, dass angesichts des geringen Bildungstands der meisten Auswanderer nur ein geringes politisches Interesse bestand. Der Bildungsgrad lässt sich auch an zahlreichen ungelenken Formulierungen und orthographischen Fehlern erkennen.

Neben Informationen über ihre „neue Heimat“ versuchten viele Schreiber die Adressaten von einer Übersiedlung zu überzeugen.[Anm. 4] Man bot Hilfe für die ersten Jahre an und manch einer schilderte die Verhältnisse in Übersee in den buntesten Farben. Schwierigkeiten wurden oft verschwiegen um Familie und Freunde nicht zu ängstigen und sich selbst als erfolgreich darzustellen. Dies dürfte dann zu Konflikten geführten haben, wenn sich den Nachreisenden eine andere Realität präsentierte. Daher plädieren einige Historiker dafür, den Auswandererbriefen nur eine mäßige Aussagekraft zuzurechnen.[Anm. 5]

Neben diesen „originären“ Briefen, die rein privaten Charakter besitzen, existieren weitere Typen des Auswandererbriefs, z.B. der „öffentliche“. Auswanderungsagenturen oder Vereine versuchten mittels fingierter oder beschönigter Briefe Menschen von der Auswanderung zu überzeugen. Gegensätzliche Ziele verfolgten die Behörden, die Briefe veröffentlichten, in denen von einer Auswanderung abgeraten wurde.

Nachweise

Verfasser: Björn Effgen

Verwendete Literatur:

Erstellt: 07.11.2009

 

 

Anmerkungen:

  1. 1 Vgl. Helbich, Wolfgang: Amerika ist ein freies Land. S. 20-21. Zurück
  2. 2 Vgl. Schwarzmaier, Hansmartin: Auswandererbriefe aus Nordamerika. S. 309. Zurück
  3. 3 Vgl. Helbich, Wolfgang: Amerika ist ein freies Land. S. 22. Zurück
  4. 4 Vgl. Schwarzmaier, Hansmartin: Auswandererbriefe aus Nordamerika. S. 304. Zurück
  5. 5 Vgl. Marschalck, Peter: Deutsche Überseewanderung im 19. Jahrhundert. S. 53. Zurück