Erforschung und Dokumentation der Quellenbestände zur Auswanderung nach Südamerika

(vornehmlich Brasilien, Argentinien und Chile) im 19. und frühen 20. Jahrhundert

Die europäische Auswanderung in die „Neue Welt“ im 19. und 20. Jahrhundert war ein Fundamentalphänomen der europäischen wie auch der süd-, mittel- und nordamerikanischen Geschichte und ein Vorgang von grundlegender wirtschafts-, sozial- und kulturhistorischer Bedeutung sowohl für die Herkunfts- wie die Zielländer der Migranten. Sie hat die Bevölkerungs- und Siedlungsentwicklung, die Politik, die Wirtschaft und die Gesellschaften der Zielländer auf vielfältige Weise und nachhaltig geprägt: man denke an die Beispiele USA, Kanada, Brasilien, Argentinien und Australien, um nur einige der größeren klassischen Einwande-rungsländer zu nennen.

Die Dimensionen dieser europäischen Massenauswanderung nach Übersee in dem Jahrhundert von 1815 bis 1914 sprechen für sich: in diesem Zeitraum verließen ungefähr 50 Millionen Europäer auf Dauer ihre Heimat, um in anderen Erdteilen eine neue Zukunft zu finden. Allein ca. 35 Millionen davon, also 70%, gingen in die USA, die zum Haupteinwanderungsland für Europäer wurden. Die übrigen ca. 15 Millionen verteilten sich auf Lateinamerika, Australien, Asien und Afrika.

Unter den 50 Millionen Europäern, die es in dieser Zeit nach Übersee zog, befanden sich auch ca. 6 Millionen deutschsprachige Mitteleuropäer, deren ganz überwiegende Mehrheit, nämlich über 90%, in die USA ging. Im Gegensatz dazu war der Anteil derjenigen, die Lateinamerika als ihr Zielgebiet wählten, mit gut 5% quantitativ eher bescheiden – dennoch war die qualitative Bedeutung dieser eher kleinen Gruppe beträchtlich, da sie den Einwanderungsländern wesentliche kulturelle, gesellschaftliche und technologische Impulse gegeben haben.

Bei der Verteilung der Mitteleuropäer auf die Staaten Lateinamerikas ist ein ein-deutiges Nord-Südgefälle zu erkennen, denn es waren insbesondere die fünf Staaten des „Cono Sur“ - Brasilien, Argentinien, Chile, Paraguay und Uruguay, die zusammen allein 90% der deutschsprachigen Lateinamerika-Auswanderer des 19. Jh. aufnahmen – allen voran Brasilien mit bis zu 300.000 Deutschsprachigen im Zeitraum 1800-1950, gefolgt von Argentinien und Chile.

Gegenstand dieses Forschungsvorhabens sind die zahlreichen Schrift- und Bild-quellen der Auswanderer, die zumeist noch unveröffentlicht in zahlreichen Archiven und Bibliotheken vorhanden sind. Diese in stärkerem Maße als bisher zu erforschen und sie in einem handbuchartigen Verzeichnis zu dokumentieren bzw. teilweise auch zu edieren, ist ein wichtiges Desiderat der Forschung.

Das vorgestellte Forschungsprojekt wird sich dabei auf Brasilien konzentrieren, d.h. den lateinamerikanischen Staat mit den meisten deutschsprachigen Einwanderern im 19./20. Jahrhundert. Diese ca. 300.000 Menschen gerade einmal max. 6% der gesamten europäischen Brasilien-Auswanderung von etwa 5 Millionen aus.

Diese Angaben beziehen sich strictu sensu auf die „Einwanderer“, nicht auf die Gesamtzahl ihrer Nachkommen. Die Zahlen der sog. „Deutschstämmigen“ liegt weitaus höher, nämlich z.B. in Brasilien bei mindestens ca. 2 Millionen, die v.a. in den südlichen Bundesstaaten Rio Grande do Sul, Santa Catarina und Paraná, aber auch in São Paulo, Rio de Janeiro und Espírito Santo leben.

Das geplante Forschungsprojekt zur Erstellung eines Handbuchs der deutschspra-chigen Quellen zur Brasilien-Auswanderung soll in 2011 beginnen. Der wissenschaftlichen Vorbereitung diente u.a. eine neunmonatige Forschungsreise durch sechs Länder Südamerikas in den Jahren 2007/2008, wobei die relevanten Archive und Bibliotheken in Brasilien, Argentinien, Chile, Uruguay, Paraguay und Bolivien besucht und die nötigen Kontakte hergestellt wurden.

Auswandererbriefe und –tagebücher sind aus einer individuellen Perspektive verfasste Ego-Quellen, die Aufschlüsse über die Motive und Ziele der Auswanderer, die Gründe und Formen ihrer Migration, die Überfahrt nach Brasilien und ihre Ankunft sowie die ersten Eindrücke und Erfahrungen vom Leben in der „Neuen Heimat“ geben. Ziel wird sein, die sozial- und wirtschaftshistorisch, aber auch mentalitätsgeschichtlich interessanten Aspekte zu eruieren, die in den Auswandererquellen enthalten sind und die ihre Erschließung so reizvoll und notwendig machen.

Die Südamerika-Auswanderung ist, im Gegensatz zu der nach Nordamerika, bisher erst wesentlich weniger gut erforscht, weswegen noch eine Vielzahl von Lücken zu bearbeiten ist. Insbesondere fehlt ein handbuchartiges Verzeichnis der Auswandererquellen, das die Quellenstandorte und die einschlägigen Bestände verzeichnet und beschreibt, also Auswandererbriefe, Tagebücher und Memoi-renliteratur sowie Fotos und Postkarten, aber auch Zeitungsannoncen von Auswandererwerbern und offizielles Schriftgut wie Einwandererverzeichnisse, Schiffslisten von der Überfahrt und notarielle Urkunden über Landzuweisungen und Grundbucheinträge.

Um diese nicht nur migrationshistorisch, sondern auch sozial-, wirtschafts- und kulturgeschichtlich mitunter höchst aufschlussreichen und ergiebigen Quellen besser als bisher auswerten zu können, bedarf es vorab eines solchen handbuchartigen Kompendiums. Dieses fehlt bisher ebenso wie Quelleneditionen von Auswandererbriefen aus Südamerika, während es vergleichbare Editionen zu Nordamerika bereits gibt (Wolfgang Helbich, Peter Assion, Pankraz Fried und Thomas Bartolosch).

Als besonders ergiebige Provenienzen sind natürlich allen voran die speziellen deutschen Auswandererarchive zu nennen, allen voran das Benno-Mentz-Archiv in Porto Alegre/Rio Grande do Sul (Brasilien), das Telmo Müller-Museum in São Leopoldo sowie die Bibliotheken des Martius-Staden-Instituts in São Paulo und der Universität UniSinos in São Leopoldo, sowie ferner das Nationalarchiv und die Nationalbibliothek in Rio de Janeiro. Daneben kommen zahlreiche verschiedene kommunale Archive in den betreffenden Regionen aber auch Familienarchive in Betracht.

Ein solches Vorhaben lässt sich aber selbstverständlich kaum sinnvoll als Einzel-projekt realisieren, allein schon angesichts der riesigen zu konsultierenden Quel-lenmassen in zahlreichen verschiedenen Archiven und Bibliotheken in mehreren verschiedenen Staaten. Daher ist ein solches Projekt nur von einer Gruppe von Forschern zu leisten bzw. im Rahmen eines Forschungsverbunds zwischen Kooperationspartnern auf brasilianischer wie auf deutscher Seite.

 

PD Dr. habil. Michael Müller (Universität Mainz)

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