Heinrich Hilgard-Villard (1835-1900)

Einer der bekanntesten Auswanderer aus Speyer ist der Eisenbahn-Tycoon Heinrich Hilgard. Er wurde am 10. April 1835 in Speyer in der Ludwigsstraße/Schulergasse 1 geboren. Hilgards Vater war königlicher Staatsanwalt in der bayerischen Kreishauptstadt Speyer, 1839 wurde dieser nach Zweibrücken an das Oberlandesgericht befördert. Sein Sohn besuche zuerst in Zweibrücken die Schule, zwischen 1850 und 1852 kam er aber wieder an ein Speyerer Gymnasium, das heutige Gymnasium-am-Kaiserdom. Ab 1852 widmete er sich am Münchner Polytechnikum einem Ingenieursstudium, welches er aber nach einigen Monaten wieder abbrach.[Anm. 1] Nach einem Streit mit seinem Vater beschloss Hilgard die Emigration in die Vereinigten Staaten zu einigen näheren Verwandten.

Was ich zu meiner moralischen Rettung brauchte, war die unerbittlichste, härteste Zucht in dem langen, peinlichen Kampf um das materielle Dasein, dem ich entgegenging. Wäre ich in Deutschland geblieben, so hätte ich mich wohl kaum vor dem Untergange retten können. In diesem Sinne allein kann meine Auswanderung zwar nicht als gerechtfertigt, aber als eine wohltätige Fügung betrachtet werden.[Anm. 2]

In Anlehnung an einen alten verstorbenen Schulkameraden nannte sich Hilgard nach seiner Ankunft in Amerika in Villard um.

Was stand mir bevor? Die neue Welt zu betreten ohne Bekanntschaft mit der Landessprache, ohne eine Seele zu kennen, ohne jede Empfehlung, ja, aller Barschaft entblößt, ohne alle praktischen Kenntnisse, ein durchaus hülfloser, achtzehneinhalbjähriger Jüngling im wildfremden Lande! War es da zu verwundern, dass ich das Ende der Reise eher befürchtete, statt wie meine Reisegenossen herbeizusehnen?[Anm. 3]

Nach längerer Reise kam Villard nach Belleville, wo er bei sein Onkel Theodor Hilgard seiner unterkommen konnte. Er widmete sich in den ersten Jahren dem Journalismus und war unter anderem Pressekorrespondent im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg.[Anm. 4] Nach dem Ende des Krieges erhielt er von deutschen Investoren bei dem Aufbau der amerikanischen Eisenbahn eine Vertrauensstellung und bewies so viel Organisationstalent, dass er sich bald selbst finanziell beteiligen konnte. Anfang der 1870er Jahre wurde er Präsident einer unrentablen Eisenbahngesellschaft. Nach vielen Jahre konnte er in den 1880ern seine North Pacific Railroad zu einem großen Eisenbahnunternehmen ausbauen. Sein Reichtum als „Eisenbahnkönig“ war für damalige Verhältnisse unermesslich.[Anm. 5] Henry Villard starb in der Nacht vom 11. auf den 12. November 1900 in Dobbs-Ferry bei Hudson an der Ostküste der Vereinigten Staaten.

Zeitlebens hat Villard viele Stiftungen in seiner alte Heimat vergeben. In Zweibrücken konnte mit seiner Hilfe ein Waisenhaus errichtet werden. In Speyer half Villard maßgeblich bei der Errichtung der Gedächtniskirche und der Diakonissenkrankenhauses, wo noch heute eine Büste von ihm steht.[Anm. 6] Schon Zeit seines Lebens war Villard in seiner Geburtsstadt hoch angesehen. Im Jahr 1895 wurde ihm das Ehrenbürgerrecht der Stadt Speyer verliehen und Luise Berthold dichtete für ihn zum 50. Geburtstag:

„War's für Europa nicht ein Schöpfungstag,
Ein neu Geschenk des Himmels, als sich prächtig
Aus grauem Nebelstreif die Küste hob
Und eine Stimme rief: „Ich sehe Land!“
Christof Columbus war's, der's rufen durfte
Fernher kam er auf schwankem Boot gezogen,
Verkannt von seiner Zeit – wer mochte glauben,
Dass fern am Rand der öden Wasserwüste
Das gold'ne Eiland seiner Träume läge?
Nun lag's vor seinem Blick! In Andachtswonne
Hat er die Arme nach ihm ausgebreitet.
Hier lag's als wie ein neugeschaffen Eden!
Der Seeweg war gefunden! Todesmutig
Hielt er sein Wort! Und wahrlich mehr als dieses –
„Die Ziele bot er neuem Völkerwallen,“
Ihm fiel das Los, dem Einen unter Allen! [..]“[Anm. 7]

Nachweise

Verfasser: Yves V. Grossmann

 

Verwendete Literatur:

  • Berthold, Georg: Nachruf auf Heinrich Hilgard, genannt Villard, In: Mitteilungen des Historischen Vereins der Pfalz 25 (1901), S. 115–122.
  • Berthold, Luise, Hochwohlgeboren Herrn Heinrich Hilgard (Villard) zum fünfzigsten Geburtstag am 10. April 1885, Speyer 1885. [als Manuskript bei der Pfälzischen Landesbibliothek Speyer]
  • Eger, Wolfgang: Bürger zweier Welten: Heinrich Hilgard-Villard 1835–1900, In: Blätter für Pfälzische Kirchengeschichte und religiöse Volkskunde 26 (1959), S. 41–60.
  • Hilgard-Villard, Heinrich: Lebenserinnerungen – Ein Bürger zweier Welten 1835–1900, Berlin 1906.
  • Villard de Borchgrave, Alexandra/Cullen, John: Villard – The Life and Times of an American Titan, New York 2001.

 

Erstellt: 26.10.2011

Anmerkungen:

  1. Eger, Bürger zweier Welten, S. 42ff. Zurück
  2. Hilgard-Villard, Lebenserinnerungen, S. 154. Zurück
  3. Hilgard-Villard, Lebenserinnerungen, S. 158. Zurück
  4. Eger, Bürger zweier Welten, S. 43. Zurück
  5. Berthold, Nachruf, S. 118f und Eger, Bürger zweier Welten, S. 43. Zurück
  6. Berthold, Nachruf, S. 119f. Zurück
  7. Berthold, Zum Geburtstag, S. 1. Zurück