Hinweise

Quellen

aus: Bonnet, Rudolf: Texasauswanderung aus Rheinhessen. In: Volk und Scholle. Heimatblätter für beide Hessen, Nassau u. Frankfurt am Main. Verbandszeitschrift des Hessischen Verkehrsverbandes. Jg. 7, Nr. 4, 1929. S. 113-115.

An unsere Verwandten und Freunde in Bingen und Büdesheim

Antwerpen, den 15. Dezember 1845

„Der Eindruck, den der Abschied von unserem Vaterlande, von unseren Freunden, sowie von den Hunderten an den Ufern des Rheins versammelt gewesenen verehrten Mitbürgern auf unser Gemüt hervorgerufen hat, wollen wir hier unberührt lassen. Er war jedenfalls ein bleibender. Wir werden denselben mit dem freundlichen Andenken an alle jene, die es gut mit uns meinten in der Heimat, mit uns hinüber über den Ozean tragen und dorten als ein teures Kleinod bewahren. Der Zweck dieses Briefes ist ein anderer. Wir hatten uns vorgenommen, den in der Heimat Zurückgebliebenen erst dann aufrichtige und sichere Nachricht von uns zu geben, wenn wir etwas weiter in unserer neuen Laufbahn hineingeschritten sein würden. Da es jedoch uns hier zu Ohren gekommen ist, daß böswillige Zungen höchst lügenhafte Gerüchte über die in Antwerpen getroffenen Maßregeln der Beförderung der Einwanderer zum Nachtheile des Vereins ausstreuen, so halten wir es nicht nur für unsere Pflicht, sondern auch im Interesse der guten Sache, dieselben zu widerlegen. Sie werden durch dieselben verschwinden, wie die Nebel vor der Sonne der Wahrheit verschwinden. Es solll sich nämlich bei Euch die Nachricht verbreitet haben, es sei am 10. dieses Monats noch kein Schiff zur Beförderung für 300 Auswanderer dagewesen, und wir ohne unser Verschulden hier aufgehalten, müssten unsern Unterhalt aus unsern eigenen Mittel bestreiten. Beides ist unwahr. Am Tage nach unserer Ankunft ging das Schiff „Dyle“ mit 152 und am 10 d.M. das schwedische Schiff „Audacia“ mit 200 unsrer künftigen Landsleute von hier ab, das Schiff „Hamilton“ aber, welches zu unserer Aufnahme bestimmt ist, wird übermorgen Nachmittag unter Segel gehen. Da das genannte Schiff „Audacia“ zuerst zum Transport für Leute eingerichtet werden mußte und durchaus keinen Raum in der Kajüte hatte, ward uns durch den hiesigen Bevollmächtigten des Vereins die besondere Vergünstigung zuteil, auf dem amerikanischen Schiff „Hamilton“, das in Bezug auf einen freundlichen Kapitain, comfortable Einrichtung, prachtvolle Kajüte und geräumigtes Zwischendeck nicht zu wünschen übrig läßt, die Ueberfahrt nach Galveston zu machen. Nach den uns in Mainz gemachten Bestimmungen waren wir verpflichtet, uns während 5 Tagen, die kaum hinreichten, unsere Angelegenheiten, als die persönlichen Rechnungen, Schenkungsurkunden u.s.w. zu ordnen, uns selbst zu verköstigen. Von dieser Zeit aber sind wir alle ohne Ausnahme, in den anständigsten Wirtshäusern von dem Verein a raison 1 ½ francs, Kinder nicht ausgenommen, logiert und beköstigt, was bleibt bis zum Tag der Abfahrt, wo eine nicht minder nahrhafte Schiffskost gereicht wird, und mancher, ja fast der größte Teil von uns, hat es hier besser, als er es jemals bei sich haben zu können glaubt. Es liegt als angehende Texaner nicht in unserer Intention, Lobhudeleien gegen einen Verein auszusprechen, der durch seine Handlungswiese über jeden Tadel erhaben sein muss, aber freuen wird es Euch, daß der Verein außer einer freundlich Aufnahme, die väterliche Fürsorge für alle Ankömmlinge ohne Ausnahme soweit gehen lässt, dass er nicht nur mit jedem Schiff einen 6monatlichen hinreichenden Proviant für die Colonie mitsendet, sonden auch würdigen unbemittelten Familienvätern bare Vorschüsse von 100 Gulden und darüber zufließen läßt, so zwar daß dieses Institut einen wahrhaft philantropischen Charakter gewinnt. Wir sind alle wohlgemut; wir haben uns mit Kraft und Ausdauer ausgerüstet, um dieses ebenso schöne als schwierige Unternehmen, die Gründung eines neuen Vaterlandes in Texas entgegenzugehen. Der Himmel wird seinen Segen dazu geben! Mit dieser schönen und gerechten Hoffnung verbinden wir den innigen und aufrichtigen Wunsch, es möge Euch im lieben Vaterlande in dem Maße wohl ergehen, als Ihr Euch um unser Glück und Fortkommen interessiert. Sobald wir den Colorado mit dem Rheine vertauscht, wird Euch die New Yorker Post benachrichtigen, wie es uns geht. So seid denn vielmals gegrüßt von Adam, Anton, Elisabeth, Joh. Bapt.; Margarethe Braden, Anton, Elisabeth, Franz, Josephine, Katharine etc... .NS. Daß man sich auch hier um unser Unternehmen in etwas interessiert, möge Euch beiligendes belgisches Journal beweisen."

Redaktionelle Bearbeitung: Björn Effgen