Peter Paul Müller aus Ohlweiler beschreibt seine Überfahrt und den Lebensalltag in Brasilien

St. Leopoldo den 16. Juni 1826

Lieben werthen Freunde Herrmann Dorr, Jacob Auler der 2.te, Nicolaus Müller, Christoph Akkermann, Peter Paul Mohr, Mathias Schmidt, Herrn Schullehrer Schmidt, Jacob Stumm von Womrath, Adam Müller von Sargenroth, Jacob Mohr der jüngere, Nicolas Auler.

Die Liebe zu Ihnen lässt uns es nicht zu Sie ganz zu vergessen, deswegen habe ich mich entschlossen an Sie zu schreiben und Ihnen unsere Reise unser Wohl, die Beschaffenheit des Landes und alles mögliche zu beschreiben. Es ist jetzt beinahe nämlich den 19ten Juli dieses Jahrs ein ganzes Jahr verflossen, dass wir sie verlassen haben, und traten erst, wie Sie schon erfahren haben werden unsere Reise am 29ten Juli in Bingen an und kamen den 10ten August in Maiden bei Amsterdam an. Hier wurden wir den 16ten August in drei andere etwas größere schiffe eingeladen. Mit diesen segelten wir den 17ten August von Muiden ab, fuhren durch die Zundersee und landeten den 18ten August am Terfel an, wo wir den 19ten August in das große Seeschiff kamen. Hier in diesem Hafen blieben wir bis den 24ten August liegen; aber gegen Mittag fuhren wir bis zu Ende des Hafens. Da blieben wir bis den andern Morgen vor Anker liegen. Den 25ten Morgens wurden die Anker gelichtet und wir segelten mit sehr günstigem Winde von hier weg und liefen gleich in die Nordsee ein. Den 26ten August kamen wir schon in den Canal Pas de Calais und den 27ten gegen Abend hatten wir die Insel Wight in England vor Gesichte. Wir segelten nun immer mit sehr günstigem Winde weiter, so dass wir bis an den 8ten September gegen 1 Uhr mittags die Insel Porta Santa, gegen 6 Uhr des Abends Madera, den 12ten gegen Abend die Insel Palma und den 20ten die Insel Moha im Gesichte hatten. Den 21ten September landeten wir auf der Insel St. Jago. Hier wurde unser Schiff vor Anker gelegt und wir blieben daselbst bis zum 25ten September. Während dieser Zeit wurde unser Schiff mit frischem Wasser und sonst allerhand Lebensmittel versorgt, damit uns von allem nichts unter der Sonnenlinie mangelte; den dieser waren wir jetzt nahe. Den 25ten segelten wir wieder von hier ab und kamen bis zum 4ten October unter die Sonnenlinie. Hier giengs nicht sehr schnell; denn der Wind ist hier sehr geringe und veränderlich. Alle Viertelstunde ist fast andern Wind und wir mussten deswegen unter der Sonnenlinie beinahe drei Wochen zubringen. Die Hitze unter der Sonnenlinie ist auszuhalten, denn es regnet unter der Sonnenlinie sehr häufig und ist daher nicht wärmer als bei uns im Sommer. Den 28ten October gegen Mittag bekamen wir die Hauptstadt von Brasilien Rio de Janeiro. Hier wurden wir sehr freudenvoll empfangen, alle Canonen wurden gelöst und ehe die Anker geworfen waren, kamen schon der Minister und Dolmetscher des Kaisers an unser Schiff und bewillkommten uns. Des anderen Morgens in aller Frühe kam der Miranda dieser Provinz um uns zu bewillkommen und gab sogleich Befehl uns nebst unsern Sachen ans Land zu bringen. Wir wurden also der Stadt gegenüber in zwölf ganz große Gebäude des Kaisers gebracht und den 30ten October besuchte uns der Kaiser selbst. Da mussten alle einen Kreis um ihn schließen und alsdann ging er von Person zu Person, fragte jeden einzelnen, wie es ihm ginge, wie es ihm auf der Reise gegangen wäre, was für Profession er könnte u.s.w. und sagte: er wolle jedem Familien Vater 4 Mühlreis nach unserm Gelde 25 Franken austheilen lassen, weil wir ohne sein und des Major Schaefers Bewusstsein gekommen wären. Hier ließ uns der Kaiser bis den 4ten December liegen. Ließ uns herrliches Essen geben, damit sich jeder wieder von der langen Reise erhole. Da hatten wir fast alle Tage frei Musick und Tanz und machten uns da sehr vieles Vergnügen. Ich ging hier auch schon in die portugisische Schule. Den 4ten ließ uns der Kaiser in andere Schiffe und 100 Meilen weit nach St. Leopoldo bringen. Den 14ten kamen wir nach Rio Grande. Den 16.ten wurde meine Schwester Maria Magdalena, welche in Rio de Janeiro alle Vergnügungen und Lustbarkeiten mitgenossen hatte, krank und starb schon den 19ten December im Fluße nahe bei Portolegro. Sie wurde aber nicht ins Wasser geworfen, sondern ordentlich wie zu hause unter einem Loorbeerbaum begraben. Den 24ten kamen wir nach Portolegro und den 27ten nach st. Leopoldo. Hier mussten wir drei Monate liegen ehe das Land vertheilt wurde. Bei der Vertheilung des Landes hatten wir sehr großes Glück, denn wir bekamen eine der besten Ländereien, wo schon vor unserer Ankunft jemand gewohnt hatte. Wir haben ein Haus bekommen nebst 1200 Morgen Land. Nahe bei unserm Haus läuft ein Fluß vorbei und um das Haus herum liegt ein 6 Morgen großer Garten und unsere Wiesen liegen neben dem Garten. Wir wohnen in einer Gegend die sich gar nicht schöner und besser denken lässt, so dass anjetzo Niemand von uns sowohl groß als auch klein mehr nach Deutschland gelüstet. Wir wollten es uns gar nicht besser wünschen als wirs haben, wenn wir nur noch unsere Schwester Maria Magdalena hätten. Wir danken Gott, dass wir die Reise angetreten haben, denn so hätten wir es in Deutschland nie bekommen. Auch haben wir vom Kaiser drei Pferde, zwei Ochsen, eine Kuh, zwei Äxte, zwei Schippen, zwei Hauen, zwei Sattel und zwei Zäume, jedes bekam ein Bett und Kleidungsstücke u.s.w. und auf jeden Kopf der über 3 Tag alt ist bis im Alter jeden Tag 8.Wentin nach unserm Gelde ein Frank und dies dauert zwei Jahre lang Wir haben anjetzo schon 15 Stück Kühe, 6 Ochsen und 8 Pferde und denken in Zeit von 2 Jahre bei zweihundert zu haben; denn für Heu und Klee überhaupt fürs Futter braucht man nicht zu sorgen; denn es geht Winter und Sommer Tag für Tag auf der Waide. Bei Nachtzeit liegt es in Sorälen oder Pärchen (Pferchen), wo die Kühe des Abends und des Morgens gemolken werden und dann lässt man sie wieder auf die Waide und so spart man viel Mühe, die man in Deutschland hat wegen dem Futter. Wir leben hier alle Tage herrlich und in Freuden, wie die Fürsten und Grafen in Deutschland; denn wir leben hier in einem Lande, das gleich dem Paradise ist, es lässt sich gar keine bessere und schönere Gegend denken als diese. Alles wächst hier, was man sich nur denken und wünschen mag. Man kann pflanzen was man in Deutschland pflanzt nebst Kaffee und Zucker und überhaupt alle Südfrüchte. Wir haben auch schon gepflanzt: Korn, Gerste, türkisches Korn, Reis, Taback, Baumwollen, Hanf, Flachs, Gurken, Melonen, Zwiebeln, Knoblauch, Rieben, Bohnen, Salat, Kappes, Kartoffeln und noch vieles andere. Hier ist so u sagen kein Winter, denn hier ist alles stets grün, blos um und nach Johanni ist manchmal etwas Reif, und es regnet bisweilen; dann ist es bei der Nacht etwas kalt, aber am Tag ist es gewöhnlich so warm wie bei uns im Sommer. Darin besteht der ganze Winter. Im Sommer ist es wärmer als bei uns; aber die Hitze ist doch zu ertragen. Es ist hier reine und gesunde Luft. Es giebt hier keine Pest oder sonst ansteckende Krankheiten, wie die Leute in Deutschland sprachen. Die Menschen werden hier ebenso alt, wo nicht noch älter, als in Deutschland; denn hier brach sich niemand zu Tod arbeiten, wie bei Ihnen und hat doch mehr wie Sie. Im Winter und Sommer gibt's Gewitter, sonst regnet es selten. Es giebt hier keinen Schnee. Es giebt hier wohl Inseckten und viele andere Tiere, die es auch fast alle in Deutschland giebt. Es giebt hier: Affen, Reh, Hirsch, Hasen, wilde Schweine, Tiger, Schlangen, Skorpionen, Ameisen u.s.w. aber keins von allen schadet den Menschen auf die eine oder andere Art. Die Ameisen fressen auch nicht die Eckposten von den Häusern, wie man altes dummes Zeug in Deutschland weiß gemacht wird; denn kein Thier, es mag Namen haben wie es will, thut dem Menschen was, wenn er es mit Frieden lässt. Gesetze und Obrigkeit giebt es auch hier; aber wie weitem nicht so strenge wie bei Ihnen. Wir sind so lange wir leben freie Leute, uns hat Niemand etwas zu befehlen, und brauchen keine abgaben und nichts zu entrichten, von uns verlangt niemand nichts. Die Religionen sind gemischt wie in Deutschland, sie können und dürfen ungekränkt beisammen wohnen. Es sind auch hier Kirchen und Schulen. Es giebt hier deutsche und portugisische Schulen. Ich und mein Bruder Jacob gingen auch in die portugisische Schule und haben es beide in dieser Sprache soweit gebracht, dass wir schon fertig sprechen können. Ich gebe jetzt schon wieder selbst Unterricht in der portugisischen und deutschen Sprache und bekomme jährlich achthundert Gulden. Georg Hoffmann von Diefenbach ist auch bis nach St. Leopoldo gekommen, aber da ist er auch dem Herrn entschlafen und ich will jeden der sich auf die Reise begiebt warnen, dass er keinem Ledigen kein Geld vorschießt, denn wir haben ihm seine halbe Fracht bezahlt und wie er gestorben ist, so haben wir es müssen verlieren. Wenn sich jemand sollte entschließen Deutschland zu verlassen, der kann sich nach Hamburg an Herrn Major Schaefer oder nach Amsterdam an einen guten Capitain wenden, so kommen sie gut her; aber sie müssen nur sehr weniges zahlen; etwas ist wohl gut; denn wenn sie hierher kommen, so zahlt der Kaiser dem Schiffkapitain die Fracht für alle Leute, was noch an der Fracht fehlt. Wer nun viel bezahlt hat, der ist es quit und bekömmt dafür nichts. Wenn jemand hierher sollte kommen der kann sich mitbringen Hacken, Grabschippen, Schepschippen, Äx, Schuhe und dergleichen Sachen; denn eine Hack kostet fünf Gulden, eine Grab oder Schepschippe 10 Gulden, eine Ax 8 Gulden und ein par Schuhe 5 bis 6 Gulden; Mitrialien sind hier genug aber es fehlt an Handwerkleuten; Schmidt Mühlarzten, Schneider und an mehrern andern; wenn sie nur den Tag 3-4 Stunden arbeiten so sind sie schon riech genug. Porzelane Pfeifenköpf die schön sind, sind sehr theuer, ich hätte für meinen 15 Gulden bekommen können, aber ich verkaufe ihn nicht für alles Geld, denn ich will auch eine schöne Pfeife haben. Adam Michels und Friedrich Rech von Nannhausen ihre beiden Briefe habe ich von Rio de Janeiro nebst einem Brief an Baum geschickt und während der Zeit wir in Rio de Janeiro waren kamen auch Leute von Neufreiburg zu uns, aber mein Baum nicht, wie diese Leute sagten ist es aber beim Baum nicht gerade so wie er geschrieben hat. Alles, was ich Ihnen geschrieben habe, ist die reinste Wahrheit und mein sehnlichster Wunsch ist, wenn es nur allen meinen Freunden und Bekannten ebenso gut ginge als es bei uns geht, so brauchten sie sich bestimmt nicht so zu plagen als sie mussten wie wir noch bei Ihnen waren und hätten es auch weit! weit! besser. Ich und unsere ganze Familie sind recht gesund und waren auch noch nicht krank während wir Sie verlassen haben. Heinrich Peter Müller und seine ganze Familie sind auch noch gesund ausgenommen seine Schwiegermutter ist gestorben. Sie wohnen ohngeführ eine Stunde von uns. Schreiben sie uns einmal, wie es bei Ihnen geht, man spricht hier vom Krieg und dergleichen. Wir grüßen Sie alle nebst ihren Familien, grüßen Sie uns auch Herrn Clemens. Mein Vater lässt besonders noch den Herrn Pfarrer Schneider grüßen.

 

Redaktionelle Bearbeitung: Björn Effgen