Hinweise

Quellen

Dieter Schiffmann/Hans Berkessel/Angelika Arenz-Morch (Hg.): Widerstand gegen den Nationalsozialismus auf dem Gebiet des heutigen Rheinland-Pfalz, Mainz 2011, S. 56-57.

Emil Kirschmann (1888-1949)

Der aus Oberstein an der Nahe stammende Journalist und SPD-Reichstagsabgeordnete des Wahlkreises 21 Koblenz-Trier, der bereits Ende 1932 aus politischen Gründen als Ministerialrat im Preußischen Innenministerium entlassen worden war, wich im Frühjahr 1933 in das Saargebiet aus. Schon bald bearbeitete er im Rahmen seiner Tätigkeit als Leiter des in Saarbrücken neu geschaffenen SPD-Grenzsekretariats seinen einstigen Reichstagswahlkreis im antinazistischen Sinne, ebenso die Pfalz, Südhessen und Nordbaden.

Für den regelmäßigen Transfer regimekritischer Flugblätter und Zeitungen nach Deutschland sorgten wagemutige und versierte konspirative Kuriere. Umgekehrt übermittelten diese, aber auch viele Flüchtlinge, die über Trier, Idar-Oberstein oder Kaiserslautern ins Saargebiet gelangten, sowie dort beschäftigte reichsdeutsche Pendler die neuesten authentischen Nachrichten aus Deutschland. Zu den Aufgaben Kirschmanns, der am 12. November 1933 in Saarbrücken auch zum neuen Landessekretär seiner Partei gewählt wurde, gehörte damals noch die Koordinierung der Arbeit der SPD-Sekretariate entlang der Westgrenze. Über den Gewerkschaftsjournalisten Paul Siegmann erhielt er um die Jahreswende 1934/35 Kontakt zu Wilhelm Leuschner in Berlin.

Wegen der Rückgliederung des Saargebietes an das Deutsche Reich flüchtete Kirschmann Anfang 1935 nach Frankreich. Im lothringischen Forbach eröffnete er zusammen mit dem ebenfalls geflüchteten Vorsitzenden der Saar-SPD Max Braun sowie mit Johanna Kirchner aus Frankfurt und einigen weiteren sozialdemokratischen Gesinnungsfreunden sogleich eine Beratungsstelle für Saarflüchtlinge. Diese überparteiliche Hilfseinrichtung wurde hauptsächlich vom Internationalen Gewerkschaftsbund und der Exil-SPD, zeitweilig aber auch von der kommunistischen Roten Hilfe finanziert. Um den Jahreswechsel 1935/36 wechselte Kirschmann ins Elsass nach Mülhausen. Dort sorgte er u.a. mit seiner Schwägerin, der früheren SPD-Reichstagsabgeordneten und Vorsitzenden der Arbeiterwohlfahrt Marie Juchacz für das weitere Erscheinen des antinazistischen Nachrichtendienstes „Freiheit-Korrespondenz“.

Ebenso wurden nach wie vor gute Verbindungen zu in Deutschland operierenden Widerstandskräften unterhalten. Während sich das Verhältnis zum SPD-Exilvorstand wegen seiner Zusammenarbeit mit den Kommunisten als zunehmend gestört zeigte, erfuhr Kirschmanns Arbeit nun Unterstützung durch die Revolutionären Sozialisten Österreichs und durch die Gruppe „Neu Beginnen“. Kurz nach seiner Ausbürgerung durch den NS-Staat unterzeichnete er ebenso wie Ernst Bloch, Lion Feuchtwanger, Arnold Zweig, Heinrich und Klaus Mann, Ernst Toller, Rudolf Breitscheid, Max Braun, Toni Sender, Willy Brandt, Willi Münzenberg, Herbert Wehner – dieser unter seinem Decknamen Kurt Funk – und etliche andere aus Hitler-Deutschland geflüchtete Prominente aus Politik und Geistesleben den Pariser „Aufruf an das deutsche Volk. Bildet die deutsche Volksfront! Für Frieden, Freiheit und Brot!“ vom 19. Dezember 1936.

Über das dichte Stützpunktesystem der Gruppe Kirschmann, die für den französischen Nachrichtendienst u.a. auch Informationen militärischer Art beschaffte, vor allem aus dem Raum Trier-Koblenz-Speyer-Saarbrücken, wurde noch bis zum Kriegsausbruch des gesamte Grenzgebiet in Südwest- und Westdeutschland mit antinazistischem Propagandamaterial beliefert. 1939 wurde das Redaktionsbüro der „Freiheit-Korrespondenz“ nach Esch in Luxmburg verlegt, wo das Presseorgan dank der Hilfe der dortigen Metallarbeitergewerkschaft noch eine Weile in wöchentlichem Turnus erscheinen konnte. Am 10. Mai 1940 musste Kirschmann vor den deutschen Okkupationstruppen nach Frankreich zurückweichen. Am 14. Juni 1940 gelang es ihm und seinen Getreuen, nach Südfrankreich zu entkommen. Mit Hilfe von Fritz Heine von der Exil-SPD glückte Kirschmann im Frühjahr 1941 von Marseille aus die Flucht über Casablanca und Martinique in die USA. Dort konnte er sich zunächst nur mit kärglich bezahlten Aushilfstätigkeiten über Wasser halten. Die offizielle Arbeitserlaubnis wurde ihm drei Jahre nach seiner Einreise erteilt, sein Einwanderungsvisum erhielt er erst 1945. Auch von den USA aus hat er sich für die Rettung gefährdeter Freunde in Europa eingesetzt und sich gegen den NS-Faschismus engagiert.

Nach dem Krieg beteiligte er sich zusammen mit Käthe Fey und Marie Juchacz, mit denen er auch in New York zusammenlebte, an der Finanzierung und Organisierung von Care-Paketsendungen nach Deutschland. Zuvor hatten sie zusammen mit dem Jewish Labor Committee solche Hilfssendungen bereits für die befreiten Gebiete Frankreichs organisiert. Die 1949 schon fest vorbereitete Rückkehr in seiner Heimat bleib dem gesundheitlich seit langem schwer angeschlagenen Sozialdemokraten im letzten Moment versagt.

Redaktionelle Bearbeitung: Evelyn Heid