Hinweise

Quellen

Verein für Sozialgeschichte Mainz e.V. (Hg.): „Hier sind meine Wurzeln, hier bin ich zu Haus“. Das Leben der Gerti Meyer-Jorgensen, geborene Salomon, Mainz 2010 (Sonderhefte der Mainzer Geschichtsblätter).

Gerti Meyer-Jorgensen: Eine Jüdin kehrt zurück

Gerti Meyer-Jorgensen musste als Jüdin aus dem nationalsozialistischen Deutschland emigrieren; ihre Großmutter und ihre Eltern starben in Folge der Untaten des Regimes bzw. wurden direkt ermordet. Trotzdem kehrte sie nach Deutschland zurück und bezeichnet die Stätten ihrer Kindheit und Jugend als „Heimat“. Was für uns Deutsche schon erstaunlich ist, wird von anderen Holocaust-Überlebenden nicht verstanden und kritisiert. Wenn wir uns mit ihrem Leben auseinandersetzen, wird uns aber klar, wie sehr diese Entscheidung zu ihr und ihrer Lebenseinstellung passt.

Am 29.07.1918 wird Gertrude Salomon in eine großbürgerliche, jüdische Familie aus Mainz hineingeboren. Sie beschreibt ihre Kindheit als „glücklich und traumhaft schön“ trotz ihres Wissens um die Gefahr der nachträglichen Verklärung der Erinnerung. Auf Grund des Erfolges des Vaters, ein Kaufmann, mit dem Schuhgeschäft der Familie (ursprünglich Schuhaus Manes, heute Schlüter) hatte die Familie ein finanziell sorgenfreies Leben. Gerti konnte behütet aufwachsen; ihre Großmutter, die Kinderfrau Therese Brass, die Köchin Lida und viele andere kümmerten sich um sie, mit Gleichaltrigen traf sie sich oft zum Spielen. Besonders Therese Brass, die ihr sowohl das Leben mit der Natur und ohne Bedienstete im heimatlichen Forsthaus als auch den katholischen Glauben näher brachte, hat sie sehr geprägt. Dadurch wurde ihr das Christentum mehr vermittelt als das Judentum, da ihre Eltern, die der liberalen Gemeinde angehörten, nicht sehr religiös waren. Auch sonst verlief das Leben der Familie Salomon sehr assimiliert; der Vater war z.B. deutsch-national gesinnt. Getrübt wurde Gertis Kindheit nur durch den Besuch einer Privatschule, da sie am Lernen- im Gegensatz zum Sport- nicht besonders viel Freude empfand, und den Affären des Vaters. Auf der Höheren Töchterschule, die sie ab 1928 besuchte, langweilte sie der Unterricht ebenfalls. Eine Ausnahme bildete für sie nur der Chemieunterricht bei Herrn Michel trotz der Tatsache, dass er ein überzeugter Nazi war, ein Beispiel für ihre differenzierte Sichtweise von Personen und ihre Zurückhaltung bei Verurteilungen. In dieser Zeit lernte sie Hans Joachim Scholz, genannt „Muckel“, kennen, der ihre erste große Liebe wurde. Schon vor der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten war das Verhältnis dadurch beeinträchtigt, dass die beiden Familien keinen Kontakt hatten, da sich die gesellschaftlichen Beziehungen der Salomons auf Juden beschränkte.

Nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten änderten sich die Verhältnisse der Familie Salomon dann grundlegend. Das Geschäft des Vaters lief nach dem Boykott-Aufruf der Nationalsozialisten nicht mehr gut. Gerti wurde durch den nationalsozialistischen Einfluss in der Schule belastet und war von gemeinsamen Aktivitäten z.B. solche des BDM ausgeschlossen, die Treffen mit „Muckel“ wurden immer riskanter und letztlich nicht mehr möglich, als er zur Ausbildung nach Berlin ging. Schließlich musste die Familie das Geschäft an eine nicht-jüdische Mitarbeiterin verkaufen, ihre Wohnung verlassen und in ein Judenhaus ziehen. Dies sind Häuser, die von den Nationalsozialisten zur ausschließlichen Benutzung von Juden bestimmt waren. Damals arbeitete Gerti Salomon in einem jüdischen Restaurant und als Sportlehrerin an einer jüdischen Schule. Angst und Anfeindungen prägten ihren Alltag.

Als Gerti Salomon 1939 versuchte, Geld der Familie in die Schweiz zu schaffen, wurde sie von der Gestapo gefasst und in ein Gefängnis gebracht. Dort verliebte sich ein Gefängniswärter in sie, sodass ihre Lebensbedingungen relativ gut waren. Auch bei ihrer Verurteilung hatte sie Glück; sie kannte den Staatsanwalt. So konnte sie im Oktober 1940 das Gefängnis verlassen und es blieb genug Zeit, ihre Emigration zu organisieren. Da es relativ zügig von statten ging, eine Einreiseerlaubnis für Shanghai zu bekommen –Shanghai war mit Palästina, der einzige Ort, für den man kein Visum brauchte-, entschied sie sich für dieses Ziel und versuchte, die nötigen Transitvisen zu besorgen, was ihr nur mit Mühe und mit fremder Hilfe gelang. Am Flughafen sah sie ihre Mutter zum letzten Mal; ihre Mutter wurde 1942 im KZ Treblinka ermordet. Ihr Vater hatte sich schon nach ihrer Gefangennahme aus unbekannten Gründen das Leben genommen; seine Mutter sollte ihm am Tag ihrer geplanten Deportation in den Tod folgen.

In Shanghai hatte Gerti Salomon den Vorteil gegenüber Mitreisenden, dass sie eine dort ansässige Familie, die ursprünglich aus Wiesbaden kam, kannte. Daher kam sie für kurze Zeit bei ihnen unter, bis sie sich eine Stelle bei einem Zahnarzt organisiert hatte. Zunächst war ihre Lebenssituation nicht gerade komfortabel. Dies änderte sich, als sie sich als Krankengymnastin selbstständig machte und einen relativ großen Kundenstamm aufbaute. Das Visum für Kuba, das sie nun versuchte, für ihre Mutter zu organisieren, kam nicht mehr rechtzeitig in Deutschland an. Letztlich verschlechterten sich die Lebensbedingungen für Juden auch in Shanghai. Die Nationalsozialisten übten Druck auf die Besatzungsmacht Chinas, Japan, die Verbündeten der Deutschen, aus, sodass das jüdische Ghetto Shanghai eingerichtet wurde. Nur bestimmte Personen –zunächst auch Gerti Salomon- durften es verlassen. Um die harte Zeit, die anbrechen sollte, besser zu überstehen, heiratete sie Egon Winter, einen Wiener Juden. Die Ehe wurde allerdings zu einem Fiasko, da Winter ein arbeitsloser Spieler war, der zudem noch Beziehungen zu anderen Frauen aufrecht hielt. So musste Gerti Salomon nach dem Verlust der Genehmigung, in ihren Arbeitsbezirk zu gelangen, immer noch allein für den Gelderwerb sorgen und begann, einen Kohlehandel zu führen. Neben den wirtschaftlichen Problemen und der Ungewissheit über das zukünftige Verhalten der Japaner war auch der Krieg Realität und im Ghetto gab es keine ausreichenden Möglichkeiten wie Luftschutzbunker, um sich vor den amerikanischen Bomben zu schützen.

Nach dem zweiten Weltkrieg ließ Gerti Salomon sich scheiden und plante, Shanghai wegen dem immer bedrohlicher werdenden chinesischen Bürgerkrieg zu verlassen. Da sie keinen gültigen Pass hatte, konnte sie aus China aber zunächst nicht ausreisen. Die Nationalsozialisten hatten nämlich allen im Ausland lebenden deutschen Juden die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Daher wurde sie nach Macao geschmuggelt, wo sie unter Mithilfe von Bekannten den ehemaligen norwegischen Kapitän Trygve Jorgensen kennen lernte, der mit ihr eine Scheinehe einging. Ihr Verhältnis zu Jorgensen ist eines dieser Beispiele für die Dankbarkeit, die sie ihren Helfern- egal welcher Nationalität oder politischen Überzeugung- gegenüber empfindet und immer wieder ausdrückt.

Schon während ihrer Ghetto-Zeit hatte sie den Wunsch, noch einmal nach Mainz zurückzukehren, besuchte aber erst ihren Bruder, der nach Südafrika ausgewandert war. In Kapstadt baute sie sich erneut eine Existenz auf, bevor sie beschloss, 1950 Mainz zu besuchen. Ihr Besuch wurde zu einem Alptraum- aber nur insofern er die Zerstörung der Stadt betraf, die Gerti Salomon sehr nahe ging. Mit alten Freunden und Bekannten, aber auch Unbekannten wie „Muckels“ Mutter verstand sie sich wieder sehr gut, es gab aber auch Begegnungen mit überzeugten Nazis, die plötzlich wie verwandelt waren und ihre Vergangenheit verdrängten. So war und ist Gerti Salomon dem „neuen“ Mainz gegenüber sehr aufgeschlossen, kritisiert aber berechtigterweise das Verdrängen in der Nachkriegszeit. Wieder zurück in Südafrika eröffnete sie eine physiotherapeutische Praxis und heiratete Walter Roos, einen Juden aus Kassel. Doch schon wenige Jahre nach der Hochzeit starb er an Nierenversagen, was sie sehr belastete. Daher begann sie sich ausführlich mit dem Einfluss von psychologischen Problemen auf den Körper zu beschäftigen, was sie auf ihre Behandlungen anwenden sollte. Nach Jahren auf Reisen ließ sie sich 1959 in Frankfurt nieder- ein Kompromiss zwischen der vollständigen Rückkehr nach Mainz und dem Verbleib in der Emigration. Doch schon bald verließ sie ihr Geburtsland wieder – wegen ihrer Ehe mit Paul Meyer, einem nach England emigrierten deutschen Juden, den sie durch Bekannte in London kennen lernte. Dennoch kehrte sie immer wieder nach Deutschland zurück, 1970 dann endgültig. Jetzt ließen sich beide in Wiesbaden nieder und Gerti Meyer-Jorgensen führte eine sehr erfolgreiche psychotherapeutische Praxis in Zusammenarbeit mit der Deutschen Klinik für Diagnostik.

Trotz des Holocausts, seinen Auswirkungen auf ihr Leben und den langen Lebensabschnitten in verschiedenen Ländern war Mainz für Gerti Meyer-Jorgensen immer ihr Zuhause. Die vielen positiven Erinnerungen an Freunde, Bekannte und andere Helfer, die sie sich bewahren konnte und die die schlechten letztlich übertrafen, führten dazu, dass sie vorurteilslos auf das „neue“ Mainz zugehen und schließlich ganz in Deutschland leben konnte. Obwohl sie schlimme Erfahrungen in ihrem Leben machen musste, hat sie ihre Lebensfreude nicht verloren und sogar ihren Nutzen aus ihnen gezogen, indem sie Lebensweisheiten daraus entwickeln konnte.

Gerti Meyer-Jorgensen starb am 21.08.2011 in Wiesbaden.

Wer mehr über Gerti Meyer-Jorgensen, ihr Leben und ihre Ansichten wissen will, sollte in ihrem Buch „Hier sind meine Wurzeln, hier bin ich zu Haus.“, herausgegeben von dem Verein für Sozialgeschichte Mainz e.V., nachlesen.

Verfasserin: Simone Wagner

Redaktionelle Bearbeitung: Evelyn Heid