Übersichtskarte deutscher Siedlungsgebiete

2.3. Die Auswanderungspolitik ans Schwarze Meer

Eine der stärksten Auswanderungswellen, die in ihrem Ausmaßen wohl nur mit dem großen Exodus von 1709 nach Amerika vergleichbar war, erlebt der heutige rheinland-pfälzische Raum, als die russische Kaiserin in den 1760ern ihr Impopulationswerk durchführte. Mit der „Großzügigkeit“ des östlichen Absolutismus, wurden in diesen Jahren enorme Menschenmassen in Bewegung gesetzt. Die Emigration der Menschen aus den heutigen Gebieten von Rheinland-Pfalz nach Russland ging, gelenkt durch die zaristische Peuplierungspolitik, in das Schwarzmeergebiet am Delta der Wolga. Der Weg führte die Auswanderer entweder über die Ostsee nach Kronstadt, bei St. Petersburg und dann entlang der Wolga gen Süden, oder über die Donauroute über Wien, Buda und Odessa.[Anm. 1] Russland, ein für die damaligen Menschen unbekanntes Land, kamen selten Nachrichten oder sogar Rückkehrer nach Deutschland. Dies nutzen teilweise die Beauftragen der Zarin im Heiligen Römischen Reich relativ skrupellos aus: sie geizten nicht mit Versprechungen und verglichen das Wolgagebiet mit der Landschaft am Oberrhein, der Provence in Südfrankreich oder Oberitalien. Dort herrscht zwar ebenfalls ein angenehmes Klima, auch Wein und Zitrusfrüchte wachsen am Schwarzen Meer, aber die Vergleiche des Wolgagebiets waren häufig übertrieben. Für nicht wenige Auswanderer muss die Ankunft an der Wolga mit ersten Überraschungen verbunden gewesen sein.[Anm. 2]

Übersichtskarte der Siedlungen um Odessa

Die großen Ansiedlungen der Auswanderer aus dem Südwesten in Russland und Südosteuropa setzten sich häufig aus Kolonisten eines gleichen Territoriums zusammen. Es bildete sich kein regional-spezifische Kultur, als Vermischung der ehemaligen und neuen Heimat. Die Ansammlung der Kolonisten aus gleichen Gebieten verhinderte vielmehr diese Herausbildung. Die meisten nach Nordamerika ausgewanderten Pfälzer beispielsweise, wandelten schon nach wenigen Generationen ihre Kultur und Sprache – zwar ohne beides völlig aufzugeben – aber so, dass eine eigene pfälzisch-amerikanische Kultur in der Neuen Welt entstand.[Anm. 3]

Übersichrtskarte der Siedlungen um Saratow

2.4. Das Siedlungsgebiet an der Wolga

Im Jahr 1765 setzte ein erster Strom der deutschen Kolonisten nach Russland an das Schwarze Meer ein. Im Laufe des Jahres 1766 schwoll dieser Auswanderungsstrom stark an, aber die russische Regierung gab ihr Ziel einer planmäßigen wirtschaftlichen Erschließung der Gebiete an der unteren Wolga und ihrer Verteidigung gegen Nomadenstämme durch „Grenzkrieger“ auf, da ersteres einer wesentlich größeren Einwanderung bedurfte und zweites durch die geostrategischen Ereignisse hinfällig wurde. Die Ansiedlung der Migranten an die Peripherie des Zarenreiches geschah dann nach Österreichischem Vorbild, geplant als natürliche Militärgrenze mit Schutz gegen fremde Steppenvölker. Das besondere Ziel der Berufung von ausländischen Bauern nach Südrussland war, dass sie den einheimischen Russen als Lehrer dienen und speziell fortschrittliche Methoden der Landwirtschaft vermitteln sollten. Mit dem Siebenjährigen Krieg gab es einen weiteren Anlass für etliche Menschen dem Anwerben Katharinas zu folgen: bis zum Jahre 1774 zogen 30.623 Personen mehrheitlich nach Saratov, einige ließen sich bei St. Petersburg bzw. in Livland und der Ukraine nieder. Der größte Teil dieser Auswanderer stammte aus Hessen und den pfälzischen Gebieten.[Anm. 4]

Unter Katharina II. wurden bis 1768 zwischen 25 und 30 Tausend Kolonisten aus Südwestdeutschland angeworben, die mehrheitlich aus dem pfälzischen Raum und der Mittelgebirgsregionen stammten. Zar Alexander I. (1801 – 1825) setzte die Kolonisation der Schwarzmeerregion weiter fort. So gelangten noch während der Napoleonischen Kriege Immigranten in den Süden Russlands, zwischen 1804 und 1842 insgesamt an die 11 000 Familien. Ein Nebenstrang dieser Migrationsbewegung war die Aufnahme von 70 Pfälzer Familien auf Krongütern in Livland. Zar Alexander I. setzte die Peuplierungspolitik fort: 1804-1842 gelangten mehr als 11 000 Familien in die Schwarzmeerregion und in den südlichen Kaukasus, seit 1814 auch nach Bessarabien. Insgesamt gab es über 100 Siedlungen von Koloinsten an der Wolga und um Odessa herum (vgl die beiden Übersichtskarten).[Anm. 5]

Verfasser: Yves V. Grossmann

Anmerkungen:

  1. Hüttig, Auswanderung, S. 37 und 43f. Zurück
  2. Schippan, Russlandauswanderung, S. 48f; Amburger, Wirtschaft, S. 112ff. Zurück
  3. Häberle, Mark: "Pfälzer" in Europa seit dem 17. Jahrhundert, In: Enzyklopädie Migration in Europa - Vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart, hrsg. von Klaus Bade, Paderborn 2007, S. 849. Zurück
  4. Schippan, Russlandauswanderung, S. 49ff. Zurück
  5. Häberle, Pfälzer, S. 847. Zurück