III. „ ... ein Ort des Verderbens“: Ennemosers Aufenthalt in New Orleans

Für[Anm. 1] die Wahl von New Orleans als Reiseziel war zunächst ausschlaggebend, dass Ennemoser oder seine Frau dort Verwandte hatten, von denen sie sich Hilfe versprachen. [Anm. 2] Wie bereits erwähnt, plante er, eine Stelle in seinem Beruf zu finden. Aufgrund der großen Zahl deutscher Einwanderer in der Stadt erhoffte er sich wohl gute Chancen für einen Neubeginn. In seinem Reisebericht schweigt er jedoch über seine berufliche Tätigkeit.

Das im Delta des Mississippi auf Sumpfland gelegene New Orleans wurde 1718 von den Franzosen gegründet und wenig später Hauptstadt von Louisiana. [Anm. 3] Nach dem Siebenjährigen Krieg kam das Gebiet 1763 an Spanien, 1803 an die Vereinigten Staaten. New Orleans war in der Mitte des 19. Jahrhunderts einer der wichtigsten Handelsplätze der Welt. Seine Lage am Mississippi machte es zu dem wichtigsten Aus- und Einfuhrplatz für den mittleren und unteren Teil seines Einzugsgebiets, und die Lage am Golf von Mexiko verlieh der Stadt eine bedeutende Vermittlungsrolle zwischen Nordamerika und Europa.

Zum Zeitpunkt der Ankunft Ennemosers war New Orleans mit rund 130.000 Einwohnern die fünftgrößte Stadt der Vereinigten Staaten. [Anm. 4] Die Bevölkerung war aufgrund der wechselvollen Geschichte der Stadt kosmopolitischer als in jeder anderen amerikanischen Metropole. Ein Großteil der Bewohner waren Schwarze oder Mulatten, unter der weißen Einwohnerschaft stellten Franzosen, Angloamerikaner und Spanier die Mehrheit. Neben irischen und englischen Einwanderern fanden sich in der Stadt auch zahlreiche Deutsche. [Anm. 5] Um 1860 machten sie mit rund 20.000 Personen ein knappes Achtel der 168.000 Einwohner aus. [Anm. 6] Nach New York war New Orleans in der Mitte des 19. Jahrhunderts - mit weitem Abstand - der zweitwichtigste Einwandererhafen der Vereinigten Staaten. Allein zwischen 1848 und 1858 wurden dort 227.247 deutsche Immigranten registriert. [Anm. 7]

Ennemoser war von seinem Reiseziel New Orleans, das auch als „Königin des Südens“ bezeichnet wurde, zunächst recht angetan. Die Häuser waren fast alle aus Backsteinen erbaut. An Keller sei bei dem feuchten morastigen Boden nicht zu denken. Auffallend waren auch die langen Straßen, die auch noch nicht bebautes Land der Vororte durchquerten und bis 14 Kilometer lang waren. Nach seinen ersten Rundgängen kam Ennemoser die Stadt jedoch monoton vor: "Aehnlich wie hier sind in Amerika die Häuser gebaut. Hat man eine große Stadt gesehen, so kennt man sie alle, nur daß in neu angelegten vorerst viele sogenannte Blockhäuser aufgeführt werden." [Anm. 8]

Besonders das ungewohnte, ganzjährig heiße und feuchte Klima machte Ennemoser zu schaffen. Er war beeindruckt von der reichen Tier- und Pflanzenwelt, verfluchte jedoch zugleich die "lästigen Moskitos, Thierchen, die mit den sogenannten Rheinschnacken oder Mücken die frappanteste Aehnlichkeit haben, aber alle Menschen und Thiere durch ihre übergroße Anzahl gleich einer Schaar von Teufeln martern und quälen, sowohl bei Tage wie bei Nacht. Man ist nie vor ihnen sicher [...]“[Anm. 9] Alles in allem sei die Region für Menschen denkbar ungeeignet: „Es ist überhaupt, als hätte Mutter Natur diese ganze Gegend nur für lästige und schädliche Thiere für Moskiten, Alligatoren, Klapperschlangen [...] geschaffen und als wolle der Mensch allein sich hier der Natur als trotzender Gegner entgegenstellen und hier nach seinem eigenen Kopfe wirken und schaffen." [Anm. 10] Die Luft war „durch Dünste aus den schwammigen Sümpfen den größten Theil des Jahres hindurch verpestet"[Anm. 11], und die nächtlichen Temperaturstürze machten dem Lehrer und seiner Familie schwer zu schaffen: „[...] Die Luft [...] ist entweder verpestet oder so scharf, daß sie die zarten Nerven des Menschen gewaltsam erschüttert." [Anm. 12] Das schlechte Trinkwasser, das aus Zisternen gefördert wurde, und die schnell verderbenden Lebensmittel waren weitere Gesundheitsrisiken. Eine große Zahl von Krankheiten und Todesfälle waren "die unausbleiblichen Folgen".[Anm. 13]

Eindringlich warnte Ennemoser seine Leser vor der Auswanderung nach New Orleans: "Alles das [...] gibt uns New-Orleans als einen Ort des Verderbens zu erkennen, wo der Tod in nirgends gekannter Größe jedes Jahr seine reiche und ermeßliche Beute findet. Daß mancher Deutsche hier vielleicht schon über 20-30 Jahre gelebt hat und noch lebt, vermag mein Urtheil nicht zu mildern. Fast jede Krankheit [...] ist schon in ihren Anfängen tödtlich. Dahin sind Ruhr, Dissenterie, Cholera, kaltes-, Wechsel-, klimatisches-, Gallen- und von Allem gelbes Fieber zu rechnen, geringere Krankheiten nicht zu erwähnen." [Anm. 14]

Ennemosers Pessimismus hatte einen Grund: Auch er und seine Familie wurden von schweren Krankheiten heimgesucht, die teils tödlich verliefen. Im März 1855 zog sich das Familienoberhaupt eine schwere Durchfallerkrankung (Dysenterie) zu, die seine „gewohnte Kraft und Thätigkeit für lange Zeit lähmte“. [Anm. 15] Seine 16jährige Tochter Emilie war bereits im Januar an der Cholera verstorben, Während einer Choleraepidemie im Juni erkrankten seine Frau und sein Sohn, genasen jedoch bald wieder. Am 23. August infizierte sich die Familie mit dem seit Wochen in der Stadt grassierenden Gelbfieber, dem Caroline Ennemoser am 1. September „nach hartem Kampfe“ unterlag. In den folgenden Tagen erkrankten Ennemoser und alle seine Kinder an dieser Infektion, die durch Mückenstiche übertragen wird. Wider Erwarten wurden sie jedoch wieder gesund. Die Familie wurde von einem befreundeten Arzt versorgt. Als Ennemoser dessen Rechnung erhielt, konnte er kaum glauben, dass der Mediziner für eine einfache Beratung die Summe von fünf Dollar verlangte. Dies entsprach dem Gegenwert von 12 ½ rheinischen Gulden und betrug somit mehr als ein Wochenlohn des Alzeyer Lehrers. [Anm. 16] Ennemoser wurde belehrt, dies sei ein Freundschaftspreis, die normale Gebühr betrage bei Epidemien zehn Dollar und mehr. Hohe Arzt- und Medizinrechnungen dürften Ennemosers Startkapital bald verzehrt haben, denn er stellte fest, es sei "kein Wunder, wenn eine nicht recht wohlhabende Familie durch eine nur 3 bis 4 Wochen anhaltende Krankheit an den Bettelstab gebracht wird." [Anm. 17] Das öffentliche Spital war für ihn keine Alternative, da es von vielen das "allgemeine Todtenhaus"[Anm. 18] genannt wurde. Ennemosers Behauptung, dass innerhalb des ersten Jahres von 100 Einwanderern "höchstens 20 mit dem Leben davon gekommen sind",[Anm. 19] war trotz der dramatischen Zustände stark übertrieben. [Anm. 20]

Es ist naheliegend, dass Ennemoser angesichts seiner persönlichen Schicksalsschläge ein generell negatives Bild der menschlichen Umgangsformen in New Orleans zeichnete. Er schrieb: "Man sollte glauben, in einer Stadt, in welcher die Sterblichkeit so groß und so plötzlich ist […] würde die Geselligkeit und da Anschließen der Menschen an den Menschen von der Art sein, daß man sie eine herzliche oder doch wenigstens eine gemüthliche nennen könnte.[Anm. 21] Statt dessen herrsche das Gesetz des Dschungels: „Mit den Worten: 'Hilf Dir selbst', 'das Leben ist kurz' etc., sucht Jeder für sich zu genießen, was ihm nur irgend möglich ist, sucht Jeder zu gewinnen, so weit er es nur mit seinen Kräften vermag."[Anm. 22] Das Stereotyp des materialistischen, lediglich auf seinen persönlichen Vorteil bedachten Amerikaners findet sich regelmäßig in der deutschen Amerikaliteratur des 19. Jahrhunderts. [Anm. 23]

Der gebildete Deutsche müsse nicht nur über mangelnde Geselligkeit klagen, so Ennemoser, sondern es sei auch für ihn schwer, wichtige Positionen in Staat und Gesellschaft zu finden, denn „die sog. englische Partei [...] hat die besten Stellen inne und gibt gleichsam den Ton an“. [Anm. 24] Gewissenhaftigkeit und Uneigennützigkeit seien gerade Fremdwörter in Amerika.

Ebenso wie in zahlreichen anderen amerikanischen Städten entfalteten die Deutschen von New Orleans ein reges Vereinsleben. Ennemoser erwähnt die deutschen Turn- und Gesangvereine sowie die zahlreichen Freimaurerlogen, betont jedoch zugleich, sie hätten aber "nichts von dem, was man nach deutscher Sitte 'Geselligkeit, verbunden mit Gemüthlichkeit' nennen könnte." [Anm. 25] Politische Zwecke stünden im Vordergrund, ebenso böten Vereine die "Gelegenheit, Geld und Gesundheit einzubüßen, denn das Geld und dessen Vergeudung scheint überall Hauptsache." Auch das Privatleben der Amerikaner unterscheide sich grundsätzlich von dem der Deutschen: „Selbst das gemüthliche Band des ehelichen Zusammenlebens, häufig das Einzige, was einem fühlenden Manne, einer gefühlvollen Frau neben der Religion das Leben erheitert, oder doch wenigstens genügend und lebenswerth macht, selbst dieses ist leider in gar zu vielen Fällen ein lockeres und auf Schein gegründet.[Anm. 26] Auch auf diesem Sektor habe „sich der Humbug Eingang zu verschaffen gewußt.“ Ehen würden nicht nur aus Liebe geschlossen, sondern aus eigennützigen Motiven. „Der Eine nimmt eine Frau, um sie bei einer öffentlichen Gelegenheit, im Theater, auf dem Balle [...] zeigen zu können, im Uebrigen geht er seinen Weg, wie es ihm beliebt. Ein Anderer nimmt sich ein Weib, um ein Obdach, einen Ruhepunkt, eine Pflege zu haben, wenn ihn das sonstige Leben anekelt etc.“ Auch die Frauen gingen „ihre eigenen Wege und finden nur zu häufig im sogenannten beschäftigen Müßiggange und im Putze ihres Lebens schönstes Glück, denn an ein Arbeiten im deutschen Sinne sind wenige gewöhnt." Die ausgesuchte Höflichkeit, mit der Frauen in Amerika behandelt wurden, tat Ennemoser als einen weiteren "Humbug" ab, da Ehen „rasch geschlossen und eben so rasch aufgelöst [würden].“  

Auch innerhalb der Familien gebe es kaum Zusammenhalt. Von der amerikanischen Jugend sei schon gar nichts Gutes zu erwarten, denn „wo die Bande des Familienlebens gelockert, wo in denselben Gefühl für Religion, Liebe, Wahrheit und Gewissenhaftigkeit auf die niedrigsten Grade zurückgeführt sind, da läßt sich [...]  für die Folgezeit wenig Gutes erwarten“.[Anm. 27] Das amerikanische Erziehungssystem rief bei dem deutschen Pädagogen nur Kopfschütteln hervor. Die Schulen vermittelten keine moralischen Grundsätze, die „als Pfeiler für das einstige Leben erscheinen könnten“.[Anm. 28] Vielmehr sei „alles entweder kalte Abrichtung, oder höchstens nur für das praktische Leben berechnet.“ Viele Kinder wüchsen ohne jeglichen Schul- und Religionsunterricht auf, was oft eine kriminelle Karriere zur Folge hätte. Ennemoser hob hervor, es gebe zwar Konfessionsschulen nach europäischem Muster, bei ihnen stehe jedoch oft der Kommerz im Vordergrund, ebenso bei höheren Lehranstalten oder Pensionaten. Es mangele an geeignetem Lehrpersonal, „und es wird die Auswanderung erst noch andere uneigennützige Elemente ergreifen müssen, wenn es auf diesem Gebiete besser und zufriedenstellender werden soll.“ [Anm. 29]

Weiterhin stellte Ennemoser in Abrede, dass man bei den Amerikanern von wahrer Religiosität sprechen könne: "Von einem Christenthume in der That und Wahrheit kann wohl nur unter Wenigen ernstlich die Rede sein, von Abarten desselben dagegen desto mehr. Vom hartnäckigsten Unglauben bis zum lächerlichsten Aberglauben finden sich alle Zwittergestalten."[Anm. 30] Als Beispiele nennt Ennemoser Methodisten und Baptisten, die ihre Frömmigkeit demonstrativ zur Schau trügen. Das Geschäftsgebaren vieler Angehöriger dieser Konfessionen zeige jedoch, dass „Lug und Betrug bei vielen von ihnen zu ihren erbetenen Tugenden gehören.[Anm. 31] Vorgeheuchelte Religiosität wurde den Amerikanern in zahlreichen deutschen Reiseberichten vorgeworfen, ungewöhnlich ist jedoch Ennemosers Vorwurf, dass sie den Sonntag nicht heiligten, sondern ihr Geld in den Kaffeehäusern verjubelten. Andere Autoren konstatierten stattdessen, dass in den Vereinigten Staaten der Sonntag in wesentlich höherem Maße der religiösen Erbauung diente als in Deutschland.[Anm. 32] Ennemosers Eindruck entstand wohl dadurch, dass in der kosmopolitischen Bevölkerung von New Orleans der Einfluss der puritanischen Angloamerikaner nicht so stark war wie in den weiter nördlich gelegenen Teilen der Vereinigten Staaten.

Wie die meisten deutschen Reisenden lehnte Ennemoser die Sklaverei ab. Das damalige Bild dieser Institution wurde in Deutschland von Harriet Beecher Stowes Roman Uncle Tom's Cabin (Onkel Toms Hütte, 1852) geprägt, der die Sklaverei als eines der größten Übel der Menschheit geißelte. Ennemoser konnte dieser Institution jedoch auch gute Seiten abgewinnen. Viele der Afroamerikaner in New Orleans brächten "ihr Leben im Vergleiche zu vielen unserer deutschen, oder überhaupt unserer europäischen Mitbürger, in einem, ich möchte fast sagen, beneidenswerthen Zustand"[Anm. 33] zu. Da sie oft das einzige Vermögen eines Sklavenhalters ausmachten, "fehlt[e] es ihnen auch nie oder doch nur höchst selten an ärztlicher Unterstützung".[Anm. 34] Ennemoser war erstaunt, Sklaven zu treffen, die auf ihren Geldwert stolz waren: "mehr als einmal hörte ich solche zu Deutsche und Irländer sagen: Geh' nur, Du hast ja keinen Werth, ich aber bin 1800 Dollars werth, wenn mein Herr mich verkaufen will." [Anm. 35]

Die Regierungsform und die Gesetzgebung der Vereinigten Staaten fanden grundsätzlich die Bewunderung des Alzeyer Lehrers. "Würde man an den Einrichtungen, die sich ein freies Volk durch seine von ihm selbst gewählten Abgeordneten geben hat, festhalten: so könnte ein Leben, eine Ordnung sein, wie sie der Politiker von echtem Schrot und Korn nur immer wünschen mag."[Anm. 36] Leider stehe in der Praxis vieles nicht zum besten. So litten die Amerikaner unter hohen Steuern, obwohl "Amerika von Fürsten nicht regiert wird, ein stehendes Heer nach europäischen Begriffen nicht bezahlt und Beamte bei Weitem in solchem Grade nicht ernährt werden müssen". Es sei ein weitverbreiteter Irrtum in Deutschland zu glauben, "man zahle in Amerika keine Steuern".[Anm. 37] Trotz der hohen Abgaben herrsche eine große Rechtsunsicherheit, was die hohe Kriminalitätsrate beweise. Dies sei u.a. auch auf die Einwanderung von "so viele[en] Uebelgesinnte[n] zurückzuführen".[Anm. 38] Auch Korruption sei im Staatswesen weit verbreitet. Ein Patentrezept zur Besserung der Zustände in Amerika vermochte Ennemoser nicht zu geben. "Viele, sehr viele Menschenfreunde sind auf diesem Felde thätig, und zu wünschen bleibt für die Amerikaner jedenfalls, daß Verstand und Herz der Menschen sich vereinen, um sich nicht gegenseitig zu verbittern, was die Natur, was die eigenen geschaffenen Gesetze Gutes an sich haben."

Obwohl Ennemoser vermutlich Probleme hatte, beruflich Fuß in New Orleans zu fassen, muss seine Familie zumindest zeitweise ein recht behagliches Leben geführt haben. Zwar hatte er Heimweh nach Alzey und gedachte gerne „des Städtchens, in dem ich so gemüthliche Tage durchlebte und das gleichsam versteckt liegt im rebenbegränzten Thale[Anm. 39], aber es ließ sich zumindest in den ersten Monaten trotz der Moskitos und anderen Widrigkeiten aushalten. Er beschreibt häusliche Mahlzeiten, „bestehend aus Krepssuppe [sic], Rindfleisch, gerösteten Kartoffeln und ein treffliches Kalbsnierenstück, zu dem ein wohlschmeckender Salat aus Sellerieblättern trefflich mundet[Anm. 40] und Ausflüge auf der Pontchartrain-Eisenbahn zum Meer. Der Höhepunkt dieser Badeausflüge war „das Einnehmen eines Mahls, bestehend besonders aus Fischen, Austern, Krebsen, Fröschen, Schildkröten oder Sonstigem, was die See hervorbringt, dazu ein Glas Cognac oder eine Flasche Wein etc.“ [Anm. 41] Gespeist wurde in einem Salon mit Klavierflügel bzw. bei gutem Wetter im Freien auf der Galerie. Exkursionen wie diese langweilten Ennemoser jedoch bald, so dass er polemisch resümierte: „Und was war die ganze Partie? Ach, eine Armseligkeit! Frankfurter, Mainzer, Darmstädter, Baseler, Münchener oder Wiener würde so etwas nimmer für ein Vergnügen halten, und doch ist New-Orleans eine sehr bedeutende Stadt“.[Anm. 42]

Wie erwähnt, überstanden Ennemoser und seine Kinder im September 1855 eine schwere Gelbfiebererkrankung. Dies war für ihn Anlass, möglichst schnell die Heimreise anzutreten: „Obwohl noch sehr schwach an Kräften, rüstete ich mich dennoch zur Rückreise, sobald ich ein geeignetes Schiff angetroffen hatte, denn nach meiner Ansicht durfte ich in diesem Klima, obwohl ich mir eine recht einträgliche Existenz verschafft hatte, an ein Wiedererstarken meiner Gesundheit nicht denken“. [Anm. 43] Am 12. November 1855 stach der Lehrer mit seinen drei jüngsten Kinder auf dem Segelschiff „Hermann“ in See. Sein ältester Sohn, der 17jährige Julius, der beruflich Fuß gefasst hatte, blieb in New Orleans. Nach einer 48tägigen Seereise, die die Familie in der ersten Kajüte verbrachte, erreichte man am 26. Dezember Bremerhaven. [Anm. 44] Von dort reiste Ennemoser in seine Geburtsstadt Hildesheim, wo der Witwer und seine Kinder sich bis zum Frühlingsbeginn bei Verwandten aufhielten. Anschließend machten sie in Gießen, der Geburtsstadt von Ennemosers verstorbener Frau Station, und reisten am 29. April 1856 nach Alzey zurück, wo Ennemoser am 1. Mai „neu gekräftigt“ [Anm. 45] seinen Schuldienst wieder aufnahm.

zu Ennemosers letzten Alzeyer Jahre und seiner Übersiedlung ins Ausland

Verfasser: Helmut Schmahl

Redaktionelle Bearbeitung: Yves V. Grossmann

Anmerkungen:

  1. Über Ennemosers Aufenthalt in New Orleans ließen sich außer dem Reisebericht keine Quellen lokalisieren. Hierfür wäre bspw. die dortige deutschsprachige Presse zu untersuchen, was im Rahmen der Recherchen für diesen Aufsatz nicht möglich war. Zurück
  2. Dies geht, wie bereits erwähnt, aus dem Auswanderungsgesuch Ennemosers für seinen Sohn Julius vom 27.9.1854 hervor (Landesarchiv Speyer H51/283). Zurück
  3. Illustrirtes Konversations-Lexikon. Hrsg. v. Otto Spamer. Bd. 6. Leipzig und Berlin 1877, S. 858. Zurück
  4. Vgl. J. E. Wappäus: Handbuch der Geographie und Statistik von Nord-Amerika. Leipzig 1855, S. 906. Zurück
  5. Vgl. Wappäus, Handbuch S. 906. Zur deutschen Bevölkerung der Stadt vgl. John F: Nau: The German People of New Orleans, 1850-1900. Leiden 1958. Zurück
  6. Traugott Bromme: Handbuch für Auswanderer und Reisende nach Nord-, Mittel- und Süd-Amerika. Bamberg 81866, S. 221. Zurück
  7. Vgl. John Frederick Nau: The German People of New Orleans, 1850-1900. Leiden 1958, S. 7. Eine konzise Übersicht über New Orleans als Einwandererhafen und seinen deutschen Bevölkerungsanteil findet sich bei Hartmut Keil: Ethnizität und Rasse: Die deutsche Bevölkerung und die Kritik an der Sklaverei in der deutschen Presse von New Orleans. In: Michael Wala (Hrsg.): Gesellschaft und Diplomatie im transatlantischen Kontext. Stuttgart 1999, S. 11-16. Zurück
  8. Ennemoser, Reise, S. 67. Zurück
  9. Ennemoser, Reise, S. 75. Zurück
  10. Ennemoser, Reise, S. 76. Zurück
  11. Ennemoser, Reise, S. 79. Zurück
  12. Ennemoser, Reise, S. 79. Zurück
  13. Ennemoser, Reise, S. 80. Zurück
  14. Ennemoser, Reise, S. 82. Zurück
  15. Vgl. Ennemoser, Reise, S. 122. Zurück
  16. 1 US-Dollar entsprach zu der Zeit rund dem Gegenwert von 2 rheinischen Gulden und 30 Kreuzern. Vgl. Traugott Bromme: Hand- und Reisebuch für Auswanderer nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika […]. Bamberg 61851, S. 68. Zurück
  17. Ennemoser, Reise, S. 85. Zurück
  18. Ennemoser, Reise, S. 85. Zurück
  19. Ennemoser, Reise, S. 86. Zurück
  20. Zwischen 1817 und 1905 fielen 41.000 Menschen dem Gelbfieber zum Opfer. Besonders schlimm war die Situation in der ersten Hälfte der 1850er Jahre. 1853 wurden 7849 Todesfälle registriert, 1854 2425, 1855 2670. In den folgenden Jahren kam es nochmals 1858 (4845 Tote), 1867 (3107 Tote) und 1878 (4046 Tote) zu nennenswerten Opfern. In den meisten Jahren blieb die Zahl unter 100 Opfern, so dass Ennemosers Beschreibung nicht immer zutraf. Vgl. die tabellarischen Angaben auf der Webseite der New Orleans Public Library unter http://nutrias.org/facts/feverdeaths.htm <16.8.2008>. Zurück
  21. Ennemoser, Reise, S. 94. Zurück
  22. Ennemoser, Reise, S. 94. Zurück
  23. Als ‚Vater' des deutschen Antiamerikanismus gilt der preußische Offizier Dietrich Heinrich Freiherr von Bülow, der 1797 nach zwei Amerikareisen sein zweibändiges Werk Der Freistaat von Nordamerika in seinem neuesten Zustand veröffentlichte. Obwohl sich Bülow - wie später Ennemoser - in einigen Passagen seines Werkes positiv über einige Aspekte der Vereinigten Staaten äußerte, überwog seine geradezu feindselige Analyse des amerikanischen Nationalcharakters. Seine Abneigung gegen die Amerikaner war hauptsächlich darauf zurückzuführen, dass er während seines Aufenthalts sein Vermögen durch einige Fehlspekulationen verloren hatte. Bülows Werk hatte im frühen 19. Jahrhundert großen Einfluss auf die öffentliche Meinung in Deutschland. Zur Genese und Entwicklung des deutschen Antiamerikanismus vgl. Dan Diner: Verkehrte Welten. Antiamerikanismus in Deutschland. Frankfurt am Main 1993. Zurück
  24. Ennemoser, Reise, S. 95. Zurück
  25. Ennemoser, Reise, S. 98. Zurück
  26. Ennemoser, Reise, S. 98-99. Zurück
  27. Ennemoser, Reise, S. 100. Zurück
  28. Ennemoser, Reise, S. 100. Zurück
  29. Ennemoser, Reise, S. 104. Zurück
  30. Ennemoser, Reise, S. 101. Zurück
  31. Ennemoser, Reise, S. 101-102. Weiterhin schrieb er: „Wie man Dollars verdient, wissen sie, wie es aber um ihre Verpflichtung gegen Gott, Nebenmenschen und sich selbst aussieht, das ahnen sie kaum, noch viel weniger wissen sie es.“ (ebd., S. 104). Zurück
  32. Vgl. z. B. Dietrich Heinrich v. Bülow: Der Freistaat von Nordamerika in seinem neuesten Zustand. Bd. 1. Berlin 1797, S. 210-211); Ludwig Gall: Meine Auswanderung nach den Vereinigten Staaten von Nord-Amerika im Frühjahr 1819 und meine Rückkehr nach der Heimath im Winter 1820. Bd. 2. Trier 1822, S. 199; Friedrich v. Raumer: Die Vereinigten Staaten von Nordamerika. Bd. 2. Leipzig 1845, S. 189-190; Alexander Ziegler: Skizzen einer Reise durch Nordamerika und Westindien mit besonderer Berücksichtigung des deutschen Elements, der Auswanderung und der landwirthschaftlichen Verhältnisse in dem neuen Staate Wisconsin. Bd. 1. Dresden 1848, S. 27-28. Grundsätzlich zur Thematik: Agnes Bretting: Die Konfrontation der deutschen Einwanderer mit der amerikanischen Wirklichkeit, S. 255. Zurück
  33. Ennemoser, Reise, S. 63. Zurück
  34. Ennemoser, Reise, S. 64. Zurück
  35. Ennemoser, Reise, S. 64. Zurück
  36. Ennemoser, Reise, S. 89. Zurück
  37. Ennemoser, Reise, S. 91. Zurück
  38. Ennemoser, Reise, S. 93. Zurück
  39. Ennemoser, Reise, S. 148-149. Zurück
  40. Ennemoser, Reise, S. 148. Zurück
  41. Ennemoser, Reise, S. 116. Zurück
  42. Ennemoser, Reise, S. 117. Zurück
  43. Ennemoser, Reise, S. 122. Zurück
  44. Ennemoser, Reise, S. 125-126. Zurück
  45. Ennemoser, Reise, S. 126. Zurück