II. „... schauerlich-schöne Eindrücke“: Ennemosers Überfahrt nach Amerika

Am 10. Oktober 1854 schloss Ennemoser mit einem Alzeyer Auswanderungsagenten einen Überfahrtsvertrag für sich, seine Frau Caroline und ihre drei Töchter Maria (6), Sophia (4) und Julia (11 Monate) ab.[Anm. 1] Zwei seiner Kinder befanden sich damals bereits in der Neuen Welt. Seine Tochter Emilie war im November 1853 im Alter von 15 Jahren ausgewandert,[Anm. 2] sein Sohn Julius wenige Wochen vor Reiseantritt seiner Eltern.[Anm. 3]

Am 13. Oktober reiste die Familie Ennemoser von Mainz ab.[Anm. 4] Sie wählte eine Route, die damals von südwestdeutschen Auswanderern aufgrund ihrer Schnelligkeit und relativen Preisgünstigkeit bevorzugt wurde.[Anm. 5] Die Fahrt ging mit dem Dampfboot nach Köln, von dort am 15. mit der Eisenbahn über Lille und Paris nach Le Havre, das man am Morgen des 17. Oktobers erreichte. Im Zug befanden sich rund 900 Auswanderer, die im Auftrag von Schiffsagenten von „Conducteuren“ (Reisebegleitern) betreut wurden. Bereits in Köln buchte Ennemoser telegraphisch eine Unterkunft im Havrer Gasthaus „Zur Stadt Trier“, das hauptsächlich deutsche Auswanderer beherbergte. Die Landreise verlief ohne Zwischenfälle, lediglich in Paris sah Ennemoser sich veranlasst, die unfreundlichen Bahnbeamten zurechtzuweisen: „'Messieurs! Nous sommes encore des hommes, mais non pas des bêtes!' (Meine Herren, wir sind noch Menschen, aber keine Tiere). Man sah mich an, stutzte, und der Ton wurde etwas gelinder.“[Anm. 6] Ausführlich schildert Ennemoser die Prellereien, die betrügerische Gastwirte und Kaufleute in Le Havre an anderen unerfahrenen Auswanderern verübten. Teilweise bezahlten die Geschäftsleute aus Deutschland stammende Schlepper, die ihnen Kunden zuführen sollten, und Ennemoser schärfte seinen Lesern ein: „Thue Jeder die Augen auf, nehme er von Haus mit was irgend möglich ist, damit er in Havre nicht geprellt wird.[Anm. 7]

Nachdem Ennemoser mehrere Schiffe besichtigt hatte, entschied er sich für das amerikanische Paketschiff „J. C. Calhoun“ und buchte die zweite Kajüte, „ein kleines Zimmer, welches sich auf dem Verdecke in der Mitte des Schiffes [befand].“[Anm. 8] Seine Familie reiste somit komfortabler als die Masse der Auswanderer auf dem Schiff.  Am 27. Oktober begann die Überfahrt über den Atlantik.[Anm. 9] Sehr ausführlich beschreibt Ennemoser die „J. C. Calhoun“, insbesondere das Zwischendeck im Schiffsbauch. Es war ein etwa zwei Meter hoher Raum, der sich über die gesamte Schiffslänge erstreckte. An den Wänden waren 72 Bettstellen angebracht, „jede für vier Personen, immer zwei übereinander“.[Anm. 10] Das Zwischendeck hatte keine Luken, sondern  wurde durch einige Öffnungen am Backbord belüftet. Dementsprechend schlecht war die Luftzirkulation. Für die Zwischendeckpassagiere gab es lediglich auf jeder Seite einen Kochherd und eine Toilette. Da das Segelschiff sich fast immer in Seitenlage befand, konnte "gewöhnlich nur ein Kochherd und nur ein Abtritt benutzt werden." Wie viele andere Verfasser von Reiseberichten fällte Ennemoser ein vernichtendes Urteil über die Lebenszustände im Zwischendeck: "[…] diese Art menschlicher Wohnstätten [läßt] Vieles, unendlich Vieles zu wünschen übrig. Zwei Haupterfordernisse zum menschlichen Leben, Luft und Licht, sind in zu geringem Grade vorhanden [...] Der Keller sollte niemals und unter keiner Bedingung als Wohn- und Schlafstätte für Menschen dienen. Von der Hitze, dem Dunste und Schmutze daselbst hat man keinen Begriff; man muß Derartiges selbst [...] sehen. - Auch die jetzige Einrichtung des Zwischendecks läßt noch viel zu wünschen übrig. So sind die Bettstellen zu dicht über einander, die Räume fast alle zu dunkel und der Luftzug ist viel zu gering. - Auf dem Verdecke ist auch zu viel Raum durch daliegende Balken, Taue etc. versperrt. Wenn der Kapitän [...] den ihm vor seiner Kajüte zugehörigen Raum absperren läßt, so sind die Reisenden noch übler daran, da sie dann nur fast auf das Zwischendeck angewiesen sind." Vor den Herdstätten kam es oft zu Streitigkeiten über die Reihenfolge beim Kochen. Der erste Steuermann sah sich daher öfters genötigt, mit einem Eimer Wasser die erhitzten, hungrigen Gemüter abzukühlen.

Ennemoser sah die Schuld für die schlechten Bedingungen sowohl bei den Passagieren als auch bei den Schiffsreedern. Den Auswanderern warf er vor, nicht kritisch genug bei der Auswahl des Schiffes zu sein, "Ja der größte Theil der Auswanderer […begnügt] sich selbst mit viehartigen Wohnstätten [...], wenn er nur sein Ziel, das 'goldene Amerika' erreichen kann [...]"[Anm. 11] Den Schiffsreedern unterstellte er, sich von rein kaufmännischen Gesichtspunkten leiten zu lassen, "echte[s] Menschlichkeitsgefühl" sei bei ihnen noch nicht erwacht. Den Missständen könnten nur die Reisenden selbst "oder unternehmende Männer [...] im Vereine mit den Regierungen Abhilfe verschaffen". Als Ennemoser dem Kapitän die schlimmen Zustände im Schiffsbauch schilderte, erhielt er zur Antwort: "Warum nehmen die Leute solche Plätze an ? Ich habe sie nicht gerufen. Es ist ihre Sache, ob ihnen dieselben gut genug sind oder nicht. Sie sollen selbst vorher sehen und nicht nehmen, was ihnen nicht gefällt, oder für ihre Gesundheit nachtheilig ist. Sie selbst tragen die Schuld, nicht ich."[Anm. 12]

Ähnlich wie in seinen pädagogischen Schriften zeigte Ennemoser in seinem Reisebericht wenig Sympathie und Einfühlungsvermögen für die ärmeren Bevölkerungsschichten, aus denen ein Großteil seiner Alzeyer Schüler stammten. Die mitreisenden Auswanderer seien „zu roh, zu ungebildet und finden sich desto wohler, je tiefer sie im Schmutze stecken. Einem Gebildeten wird man Derartiges nie mehr zumuthen. - Ach, wie weit sind wir doch noch von wahrer Bildung !"[Anm. 13] Er verstieg sich gar zur Behauptung, „daß ihnen, außer menschlicher Gestalt, fast Alles abgeht, was zu einem Menschen gehört. Schmutzig und in Lumpen gehüllt sind sie und ihre Kinder [...] Unrein ist ihre Lagerstätte; unrein ist es vor derselben; unrein, wo sie Platz gehabt haben. Thuen sie den Mund auf, so entströmen demselben Flüche, Grobheiten oder Gemeinheiten."[Anm. 14] Um nicht in den Verdacht der Voreingenommenheit zu geraten, schränkte er gleich darauf ein: "Man mißverstehe mich ja nicht, als wollte ich durch das Gesagte über arme Leute Nachtheiliges bemerken; nein, Arme sind zu achten und besitzen oft mehr inneren Werth und höhere Bildung, als mancher feingestutzte oder modisch gelockte Stutzer. Doch ich hoffe, der Leser versteht mich und weiß es, auch ohne mich, daß zwischen arm- und gemein- oder roh-sein ein bedeutender Unterschied ist. - Das darf ich dreist behaupten, daß wandernde Haufen von Zigeunern [...] Vieles vor vielen unserer Reisegenossen voraus haben."[Anm. 15] Aufgrund dieser Ausfälle konnte Ennemoser von Glück sagen, dass sein Reisetagebuch nicht in die Hände der Mitreisenden fiel, seine Bemerkungen hätten ihm gewiss Verbalinjurien oder gar Prügel eingetragen.

Die rund 350 Mitreisenden stammten vor allem aus Baden, der bayerischen Rheinpfalz, außerdem Hessen, Preußen, Österreich, dem Elsass und Lothringen. Menschen aller Altersklassen waren an Bord zu finden. Besonders stark vertreten waren ledige Männer und Frauen im heiratsfähigen Alter, ins Auge fielen ferner Ehepaare mit fünf bis sieben Kindern sowie "einige Greise [...] im Alter von 70 Jahren, welche die Sehnsucht zu ihren bereits in Amerika lebenden Kindern führt."[Anm. 16] Rund 100 Kinder waren an Bord. Die meisten Passagiere waren Handwerker oder Taglöhner; Ackerbauern waren nur wenige vertreten. Außer Ennemoser waren – so seine Feststellung - nur zwei Franzosen und ein Arzt zu den akademisch Gebildeten zu zählen.

Auch von der Mannschaft des Schiffes entwirft Ennemoser ein ausführliches Bild. Mit dem amerikanischen Kapitän Short, "ein Mann in den besten Mannesjahren, wohlgebildet, gefällig, freundlich und immerfort thätig",[Anm. 17] verstand er sich ausgezeichnet. Besonders ausführlich beobachtete Ennemoser die fünfzehn Schwarzen unter den Matrosen, vielleicht war es seine erste Begegnung mit Farbigen.  Seine Charakterisierung ist von den Stereotypen seiner Zeit geprägt, die heute rassistisch anmuten.[Anm. 18] Die weißen Matrosen übten „eine Art Oberherrschaft über die Andersgefärbten aus, was sich die Farbigen auch gefallen lassen. Sie erkennen dadurch gleichsam die Ueberlegenheit der Weißen über die Schwarzen an. Selbst von dem Schiffsjungen, der ein Weißer [...] ist, lassen sie sich Grobheiten gefallen. Es sind lauter kräftige Gestalten. Aus den Augen der meisten leuchtet eine gewisse Gemüthlichkeit und Lüsternheit. Nach Branntwein sind sie fortwährend begierig, weniger machen sie sich aus Wein."[Anm. 19] Zu den weniger glücklichen Mannschaftsmitgliedern zählte Ennemoser auch einen Mainzer, der sich seine freie Überfahrt als Schiffszimmermann verdiente. Da er kein Englisch sprach, verstand er die Anweisungen meistens nicht, was ihm manchen Rippenstoß einbrachte. Eine irische Haushälterin kümmerte sich um die Kajütenpassagiere und versorgte die kranken Kinder auf dem Schiff.

In den ersten Tagen auf hoher See wurden fast alle Passagiere, darunter auch Ennemoser, seekrank. Im Zwischendeck und im Keller spielten sich erschütternde Szenen ab: "Die in den oberen Betten liegenden Personen erbrachen sich so, daß es auf die in den unteren Betten liegenden floß [...] Mancher hatte den ganzen Tag sein Nachtgeschirr bei sich im Bette, ein anderer sein Waschgeschirr, und wohl ihm, wenn er sich mit Derartigem versehen hatte. Da die Leute größtentheils außer Stande waren, diese schmutzigen Geschirre auszuleeren (denn aus dem Zwischendecke bis zu den Abtritten würde zu dieser Zeit und bei dem starken Schaukeln des Schiffes eine kleine Reise gewesen sein), so mag der Denkende es sich ausmalen, in welchem Zustande sich die Leute im Zwischendecke und im Keller befanden, dazu noch der geringe Grad von Bildung bei vielen."[Anm. 20] Nach drei Tagen ließ der Wind nach, und Hunger stellte sich bei den Passagieren ein. Der Keller wurde geöffnet, und Matrosen teilten Kartoffeln und Trinkwasser an die Passagiere aus. Gelassen schaute Ennemoser dem Streit an der öffentlichen Kochstelle zu, denn für seine Familie kochte der Koch des Kapitäns mit.

An milden Tagen war die Stimmung gut; die Menschen saßen auf den Verdecken und sangen Lieder. Bei Stürmen zog sich die verängstigte Menge ins Zwischendeck zurück. "Manches ängstliche Gemüth, das Abends vorher aus voller Kehle [das Lied des berüchtigten Räuberhauptmanns] 'Rinaldo Rinaldini' gesungen, hofft[e] jetzt durch Herplappern von Gebeten den Gott des Donners zu beschwören."[Anm. 21]

Bald trat der erste Todesfall an Bord auf. Der aus dem rheinhessischen Nackenheim stammende Adam Schneider, ein Vater von drei Kindern, verschied plötzlich nachts an einem Blutsturz.[Anm. 22] Am nächsten Tag fand eine kurze Trauerfeier statt, und der Leichnam wurde, in ein Segeltuch eingenäht und mit Steinen beschwert, dem Meer übergeben. Außerdem starben einige Kinder, wie Ennemoser vermutete, an dem "Trinken des mit jedem Tage schlechter gewordenen Wassers".

Jedoch gab es auch Erfreuliches zu berichten. Einen Tag nach dem Tod des Nackenheimers brachte eine ledige Frau im Keller einen Knaben zur Welt. Sogleich bekannte sich ein Mann als Vater des Kindes und sagte aus, er habe die Mutter noch in Le Havre heiraten wollen, was aus zeitlichen Gründen jedoch nicht möglich gewesen sei. Der Kapitän erklärte sich bereit, die beiden zu trauen. Die Hochzeit von Anton Kern und Brigitta Schmidt aus Schuttertal in Baden wurde zum gesellschaftlichen Höhepunkt der Reise. Es fanden sich vier Musikanten, die eifrig im Keller probten, und ein vom Kapitän bestimmter Deutscher nahm die Einsegnung vor.[Anm. 23] Danach taufte Kapitän Short den neugeborenen Jungen auf den Namen des Schiffes John C. Calhoun Kern. Den ganzen Nachmittag wurde ausgiebig gefeiert.

Der Rest der Reise war von weitgehender Langeweile gekennzeichnet. Große Freude kam auf, als nach vier Wochen am 28. November erstmals wieder Land - die westindischen Bahamas - zu sehen war.[Anm. 24] Zwei Tage später erreichte man den Golf von Mexiko. Der letzte Sonntag an Bord sollte feierlich begangen werden, doch scheiterte dies an Feindseligkeiten zwischen Schweizer und Elsässer Passagieren, die wenige Tage zuvor Streit um die Kochstelle hatten und sich gegenseitig glühendes Fett übergeschüttet hatten. Diese Konflikte, die durch das Zusammenleben zahlreicher Menschen auf engstem Raum verursacht wurden, räumte der Kapitän mit aller Härte aus. Die Streithähne ließ er an den  Schiffsmast binden und auspeitschen.

Am frühen Morgen des 8. Dezember wurde die „John C. Calhoun“ von einem Dampfboot ins Schlepptau genommen und von der Mississippimündung flussaufwärts bis New Orleans gebracht.[Anm. 25] Staunend verbrachten die Passagiere Stunden auf dem Deck, um die Plantagen und Siedlungen beiderseits des Flusses zu betrachten, der nach Ennemosers Angabe sechs Mal breiter als der Rhein bei Mainz war. Am 9. Dezember kam man nach knapp siebenwöchiger Fahrt gegen Mittag bei mildem Wetter in New Orleans an.

zu Ennemosers Aufenthalt in New Orleans

Verfasser: Helmut Schmahl

Redaktionelle Bearbeitung: Yves V. Grossmann

Anmerkungen:

  1. Stadtarchiv Alzey (unverzeichnet): Auswanderungsregister Alzey 1851-1898. Der Agent war für die Reederei Bielefeld und Compagnie tätig. Vgl. Ennemoser, Reise, S. 39. Zurück
  2. Stadtarchiv Alzey (unverzeichnet): Auswanderungsregister Alzey 1851-1898. Zurück
  3. Stadtarchiv Alzey (unverzeichnet): Auswanderungsregister Alzey 1851-1898. Zurück
  4. Ennemoser, Reise, S. 18. Grundsätzliche Literatur zur Atlantikreise: Markus Günther: Auf dem Weg in die Neue Welt. Die Atlantiküberquerung im Zeitalter der Massenauswanderung 1818-1914. Augsburg 2005. Zurück
  5. Vgl. Schmahl, Verpflanzt, aber nicht entwurzelt, S. 135-136. Zurück
  6. Ennemoser, Reise, S. 19 Zurück
  7. Ennemoser, Reise, S. 18. Zurück
  8. Ennemoser, Reise, S. 24. Zurück
  9. Ennemoser, Reise, S. 36 (nachstehende Zitate ebd.). Zurück
  10. Ennemoser, Reise, S. 26. Zurück
  11. Ennemoser, Reise, S. 29. Zurück
  12. Ennemoser, Reise, S. 30. Zurück
  13. Ennemoser, Reise, S. 28. Zurück
  14. Ennemoser, Reise, S. 31. Zurück
  15. Ennemoser, Reise, S. 32. Zurück
  16. Ennemoser, Reise, S. 32. Zurück
  17. Ennemoser, Reise, S. 33. Zurück
  18. Zu den einzelnen Stereotypen vgl. Heike Paul: Kulturkontakt und 'Racial Presences'. Afro-Amerikaner und die deutsche Amerika-Literatur, 1815-1914. Heidelberg 2005. Zurück
  19. Ennemoser, Reise, S. 34. Zurück
  20. Ennemoser, Reise, S. 34. Zurück
  21. Ennemoser hingegen betrachtete das Naturschauspiel von der Tür seiner Kajüte aus und betonte, er „werde die schauerlich-schönen Eindrücke, so lange [er] lebe, nicht vergessen. Es war wirklich etwas Großartiges“.Ennemoser, Reise, S. 44. Zurück
  22. Ennemoser, Reise, S. 45. Zurück
  23. Ennemoser, Reise, S. 48-52. Zurück
  24. Ennemoser, Reise, S. 54. Zurück
  25. Ennemoser, Reise, S. 56. Zurück