I. „... kein gewöhnlicher Mann seines Faches“: Herkunft und beruflicher Werdegang Ennemosers

Franz Joseph Ennemoser wurde am 21. September 1807 in Hildesheim-Moritzberg als Sohn des Leinewebers und späteren Gärtners Bernhard Ennemoser und seiner Frau Katharina Diener geboren.[Anm. 1] Trotz der dürftigen Verhältnisse, in denen Ennemoser aufwuchs, wurde ihm – wohl als Stipendiat - eine akademische Ausbildung zuteil. Er besuchte seit seinem 12. Lebensjahr das Gymnasium seiner seit 1813 zum Königreich Hannover gehörenden Heimatstadt und nahm 1829 ein Studium der Philosophie und Philologie an der Universität Gießen auf.[Anm. 2] 1831 erhielt Ennemoser von der Pädagogischen Kommission die Lehrbefähigung für höhere Schulen, ein Jahr später promovierte er.

Direkt nach Beendigung seines Studiums wurde Ennemoser Vorsteher einer höheren Privatlehranstalt in Gießen. Insbesondere als Sprachlehrer (er beherrschte Englisch, Französisch, Griechisch und Latein) machte er sich in der oberhessischen Stadt einen Namen. 1837 verließ Ennemoser mit seiner Frau Johannetta Caroline Elisabetha Philippina Müller und ihren Kindern Gießen und trat eine Stelle als Schulvikar an der Gemeindeschule in Alzey an.[Anm. 3] Die Lehranstalt in dem damals rund 4600 Einwohner zählenden rheinhessischen Landstädtchen war 1831 nach Aufhebung der evangelischen, katholischen und jüdischen Konfessionsschulen errichtet worden.[Anm. 4] An der im ehemaligen Burggrafiat in der Schlossgasse untergebrachten Schule unterrichteten fünf Lehrer bzw. Vikare, von denen drei evangelisch und zwei katholisch sein mussten.[Anm. 5] Der Katholik Ennemoser leitete die zweite Knabenschule, zunächst 11 Jahre als Vikar, 1848 wurde er zum definitiven Lehrer ernannt.[Anm. 6] Sein Gehalt betrug jährlich 500 Gulden einschließlich einer Wohnungsentschädigung.[Anm. 7] Erst in den Jahren vor seiner Pensionierung wurde dem Pädagogen eine Teuerungszulage von 50 Gulden bewilligt.[Anm. 8] Ennemoser, der mit reichlich Nachwuchs gesegnet war, besserte sein karges Einkommen durch Sprachunterricht auf, außerdem bereitete er als Privatlehrer mehrere Alzeyer Jungen für den höheren Schulbesuch vor und verfasste pädagogische Schriften.[Anm. 9] 1847 erschienen seine Aufsätze für Freunde der Erziehung und des Unterrichts,[Anm. 10] ein Jahr später kam das Buch Über Erziehung und Unterricht des weiblichen Geschlechts in Briefen in den Buchhandel.[Anm. 11]

Überregionale Bekanntheit erlangte Ennemoser vor allem durch Schriften, die sich mit der Sozialen Frage beschäftigten. Ebenso wie in anderen Teilen Deutschlands wurde in Rheinhessen und somit in Alzey in den 1840er Jahren die Verarmung breiter Bevölkerungsschichten immer spürbarer. Für die Entstehung dieses Pauperismus waren – wie bereits erwähnt - das starke Bevölkerungswachstum sowie die damit einhergehende Besitzversplitterung und Arbeitsknappheit verantwortlich. Mit dieser misslichen Situation waren gesellschaftliche Auflösungserscheinungen wie Aufstände, Seuchen und Verwahrlosung unter den Betroffenen verbunden. Die Soziale Frage wurde zu einem der dringlichsten Probleme der damaligen Zeit. Zahlreiche meist akademisch gebildete Zeitgenossen beschäftigten sich mit den Ursachen und Auswirken des Pauperismus und bemühten sich um eine Verbesserung der Verhältnisse. Zu ihnen gehörte auch Ennemoser, der gleich zwei Bücher zum Thema vorlegte. Wie andere sogenannte Volksaufklärer sah er das Wurzel des Übels in der mangelnden Bildung der Bevölkerung, die zu Verwahrlosung und mangelndem Arbeitswillen führte.[Anm. 12]

1844, am Vorabend der gravierendsten Pauperismuskrise des 19. Jahrhunderts, erschien Ennemosers Schrift "Die glückliche Gemeinde zu Friedensthal, oder Andeutungen, durch welche Mittel es Friedensthal dahin brachte, daß daselbst Wohlstand und Zufriedenheit herrscht".[Anm. 13] In ihr unterstellte Ennemoser den meisten Armen, ihre Situation selbst verschuldet zu haben. Eine Rezension in der Darmstädter Zeitung zeichnet den Gedankengang des Alzeyers nach. In Rheinhessen sei "Liederlichkeit, auch Genußsucht genannt",[Anm. 14] weit verbreitet. "Fast Alle, welche in die gräßlichen Schlingen des Pauperismus fallen, [kennen] ihre körperlichen und geistigen Kräfte nicht, [haben] sie nicht ausgebildet, [verstehen] sie folglich auch nicht vernunftgemäß anzuwenden". Aufgabe eines "jede[n] gebildete[n] Biedermann[s] des Staates" sei es, die Jugend so zu erziehen, dass sie ihre Kräfte und Fähigkeiten erkennen lernt. Auf die Hilfe der Eltern könne hierbei meist nicht gezählt werden, daher ist es Aufgabe des Gemeinde- bzw. Schulvorstandes, die Jugend zum regelmäßigen Schulbesuch und zur Erlernung eines Berufs anzuhalten. "So herangebildete Menschen können später wohl einmal sinken, aber sie werden nicht sogleich untergehen. Ausgerüstet an Körper und Geist werden sie immer als vernünftige Menschen Andern nicht zur Last fallen wollen, sondern sich geeignete Wege und Bahnen zu öffnen wissen." Ennemosers Buch erläuterte ferner in erzählender Form, wie die weisen Gemeindevorsteher in Friedensthal das allgemeine Wohl mit Einrichtungen wie guten Volksschulen, Lesevereinen, Arbeitshäusern, Sparkassen und Vorratshäusern verbessern konnten. 

Sieben Jahre später (1851) erschienen erstmals Ennemosers "Ergebnisse der Berathung über volksthümliche Erziehung und volksthümlichen Unterricht in der Gemeinde Sorgenheim".[Anm. 15] Hierin beleuchtete er "auf eigene, langjährige Erfahrung gegründet, das ganze Gebiet des Unterrichts und der Erziehung [...], und dieß auf eine Weise, die Jedem einen klaren, richtigen Blick in dasselbe ermöglicht". Auch hier bewies Ennemoser seine anschauliche Formulierungskunst. Fünf Bewohner der Gemeinde Sorgenheim diskutieren in Abendgesprächen darüber, „wie die Erziehung der Jugend beschaffen sein müsse, damit sie den Namen einer volksthümlichen verdiene und zu der Hoffnung berechtige, ein Volk mit Kopf und Herz hervorzubringen". Diese fünf Personen sind der Bürgermeister und seine Frau, Lehrer Wohlgemuth, Pfarrer Gottlieb sowie Fräulein Fröhlich, später kommt noch „ein durch seine Kenntnisse und seine praktischen Erfahrungen angenehm hervortretender Herr Friedhain“ hinzu. Die Ansichten der Diskutierenden gehen anfänglich oft weit auseinander, jedoch gelingt es - durch die Erfahrungen im praktischen Leben und nicht zuletzt durch die Erklärungen des Herrn Friedhain -  zu einer übereinstimmenden Meinung über die Erziehung der Jugend zu kommen. 

Ennemosers Schriften fanden Anklang beim Publikum und wurden in teils mehreren Auflagen über viele Jahre verbreitet. Lob von hoher Seite blieb nicht aus. Angehörige mehrerer fürstlicher Häuser schickten dem Pädagogen Anerkennungsschreiben für sein Engagement für die „Verbesserung des sittlichen und materiellen Wohls der Jugend“.[Anm. 16] Wesentlich verhaltener fiel der Beifall für Ennemosers reformerische Ideen in Alzey aus. Das Verhältnis des akademisch gebildeten Volksschullehrers zu seinen Vorgesetzten war nicht reibungslos (worauf in der Folge noch einzugehen sein wird),[Anm. 17] daher erhob der Alzeyer Schulvorstand keine Einwände, als Ennemoser im Sommer 1854 von der Oberstudiendirektion in Darmstadt die Genehmigung zu einem einjährigen Urlaub für eine Amerikareise erhielt.[Anm. 18] Sein Urlaubsgesuch ist nicht überliefert, aus der Stellungnahme des Alzeyer Schulvorstands geht jedoch hervor, dass er einen beruflichen Neuanfang plante.[Anm. 19] In dem Schriftstück attestierte das Gremium, Ennemoser habe sich „sittlich betragen“, behandle die Schulkinder human, und es seien „in Hinsicht seines politischen Verhaltens und Gesinnungen“ keine „Merkmale bekannt, die ihn verdächtigen könnten“, während der Revolution von 1848 und später – wie viele andere Lehrer - mit der demokratischen Bewegung sympathisiert zu haben.[Anm. 20]

zu Ennemosers Überfahrt nach Amerika

Verfasser: Helmut Schmahl

Redaktionelle Bearbeitung: Yves V. Grossmann

Anmerkungen:

  1. Katholisches Kirchenbuch Rüdesheim am Rhein, Heirat Nr. 1/1837. Aus einem Brief von Ernst Dörfler aus Wien an das katholische Pfarramt in Alzey vom 15.10.1938 geht weiter hervor, dass seine Eltern am 30.10.1804 in Hildesheim-Moritzberg heirateten und zwischen 1805 und 1819 acht Kinder taufen ließen. Zurück
  2. Angaben zur beruflichen Laufbahn Ennemosers finden sich im Stadtarchiv Alzey XIV-2 (Unterrichtswesen, Lehrpersonal), insbesondere: Schreiben des Schulvorstands Alzey an die Kreisschulkommission Alzey v. 29.6.1854. Vgl. auch Wilhelm Diehl: Hessisches Lehrerbuch. Dritter Teil: Provinz Rheinhessen und die kurpfälzischen Orte der Provinz Starkenburg. Darmstadt 1942 (Hassia Sacra, 11), S. 28. Zurück
  3. Angaben zur beruflichen Laufbahn Ennemosers finden sich im Stadtarchiv Alzey XIV-2 (Unterrichtswesen, Lehrpersonal), insbesondere: Schreiben des Schulvorstands Alzey an die Kreisschulkommission Alzey v. 29.6.1854. Vgl. auch Wilhelm Diehl: Hessisches Lehrerbuch. Dritter Teil: Provinz Rheinhessen und die kurpfälzischen Orte der Provinz Starkenburg. Darmstadt 1942 (Hassia Sacra, 11), S. 28. Zurück
  4. Angaben zur beruflichen Laufbahn Ennemosers finden sich im Stadtarchiv Alzey XIV-2 (Unterrichtswesen, Lehrpersonal), insbesondere: Schreiben des Schulvorstands Alzey an die Kreisschulkommission Alzey v. 29.6.1854. Vgl. auch Wilhelm Diehl: Hessisches Lehrerbuch. Dritter Teil: Provinz Rheinhessen und die kurpfälzischen Orte der Provinz Starkenburg. Darmstadt 1942 (Hassia Sacra, 11), S. 28. Zurück
  5. Vgl. 100 Jahre Löwenschule. [Festschrift]. 7. Mai 1983. Alzey 1983, S. 2-3. Zurück
  6. Stadtarchiv Alzey XIV-2: Schreiben der Bezirksschulkommission des Kreises Alzey an den Schulvorstand Alzey, 1.2.1848. Zurück
  7. Zahlreiche Wohnungswechsel lassen darauf schließen, dass die Familie Ennemoser in Alzey zur Miete lebte. Die Geburtsurkunden der Kinder geben folgende Adressen an: 1838-1843 Straße am Fischmarkt 552, 1844 Georgengasse, 1846 Spiesgasse 164, 1847 Neugasse, 1849 Kirchgasse 198, 1851-53 Fischmarkt 164, 1854 Döngesgasse 145, 1858-1859 Straße am Kronenplatz 170, 1860 Döngesgasse 170-1862, 1864-1865 Kreuznacherstr. 330 (Archiv des Standesamts Alzey, Zivilstandsregister). Zurück
  8. Stadtarchiv Alzey XIV-2: Schulvorstand Alzey an Kreisschulkommission, 8.5.1861.  Zurück
  9. Stadtarchiv Alzey XIV-2: Bürgermeisterei Alzey an Bürgermeisterei Herrstein, 10.7.1856. Zurück
  10. Franz Joseph Ennemoser: Aufsätze für Freunde der Erziehung und des Unterrichts. Mainz 1847. Zurück
  11. Franz Joseph Ennemoser: Über Erziehung und Unterricht des weiblichen Geschlechts in Briefen. Mannheim 1848. Zurück
  12. Ennemosers Ansatz kann im Rahmen dieses Aufsatzes nur ansatzweise erörtert werden. Zu den sogenannten Volksaufklärern vgl. Heidrun Alzheimer-Haller: Handbuch zur narrativen Volksaufklärung. Moralische Geschichten 1780-1848. Berlin und New York 2004 (zu Ennemoser vgl. ebd. S. 521 u. 713). Zurück
  13. Ennemosers Ansatz kann im Rahmen dieses Aufsatzes nur ansatzweise erörtert werden. Zu den sogenannten Volksaufklärern vgl. Heidrun Alzheimer-Haller: Handbuch zur narrativen Volksaufklärung. Moralische Geschichten 1780-1848. Berlin und New York 2004 (zu Ennemoser vgl. ebd. S. 521 u. 713). Zurück
  14. Darmstädter Zeitung Nr. 115/26.4.1851, S. 571 (die nachstehenden Zitate ebd.)  Zurück
  15. Sie wurde bei J.J. Tascher in Kaiserslautern verlegt und 1853 zum zweiten Mal aufgelegt. Die folgenden Zitate finden sich in einer Rezension der Darmstädter Zeitung Nr. 149/29.5.1852, S. 876. Zurück
  16. Stadtarchiv Alzey XIV-2: Schulvorstand Alzey an Kreisschulkommission Alzey, 29.6.1854 Zurück
  17. In seinem Reisebericht erwähnt Ennemoser lediglich, dass es "der Gründe gar viele" (S. 5) waren, die ihn nach Amerika trieben, und er formuliert vage, sein bisheriges Leben sei durch viele Stürme gekennzeichnet.  Zurück
  18. Der Urlaub wurde anschließend um ein halbes Jahr verlängert. Stadtarchiv Alzey XIV-2: Schulvorstand Alzey an die Kreisschulkommission, 4.11.1855. Zurück
  19. Stadtarchiv Alzey XIV-2: Schulvorstand Alzey an Kreisschulkommission Alzey, 29.6.1854: „Derselbe ist strebsam und fleißig und demnach zu erwarten, daß dessen Dienstleistungen an einer anderen Schulstelle vollkommen befriedigende Resultate liefern werden.“ Zurück
  20. Stadtarchiv Alzey XIV-2: Schulvorstand Alzey an Kreisschulkommission Alzey, 29.6.1854.  Zurück