V. Eine „Schrift zum allgemeinen Besten“? -Zur Rezeption und Bewertung von Ennemosers Reisebericht

Franz Joseph Ennemosers „Reise vom Mittelrhein [...] nach den nordamerikanischen Freistaaten“ wurde in der zeitgenössischen Presse beifällig aufgenommen. Die Darmstädter Zeitung empfahl die Schrift mehrere Male, erstmals in einer Rezension am 7. August 1856. Sie schrieb: „Unser Lehrer Dr. Ennemoser in Alzey, vortheilhaft durch seine sonstigen Volksschriften bekannt, hat seine Reise, welche er mit Erlaubniß Großh[erzoglicher] Regierung zurücklegte, in vorliegendem Schriftchen beschrieben. Er hat, seinem Charakter gemäß, offen und ungeschminkt die Leiden dargestellt, welchen sich der Auswanderer während der Reise zu unterziehen hat, so daß der Schrift zum allgemeinen Besten die größte Verbreitung zu wünschen ist. Der Verfasser tritt als belehrender und warnender Freund auf und es ist wohl anzunehmen, daß Viele sich im Interesse der Auswanderer die Verbreitung des Buches werden angelegen sein lassen.“[Anm. 1]Diese und andere Empfehlungen dürften mit zur recht weiten Verbreitung der für damalige Verhältnisse günstigen Schrift – sie kostete 24 Kreuzer, den halben Tageslohn eines rheinhessischen Handarbeiters - geführt haben.<Anm>Darmstädter Zeitung Nr. 340/7.12.1856, S. 1781; DAZ 215/5.8.1859, S. 1059. Bis zur fünften Auflage 1859 wurden 8000 Exemplare gedruckt. Insgesamt erlebte das Buch bis 1871 sechzehn Auflagen.[Anm. 2] in Rheinhessen wurde Ennemosers Reisebericht weiterhin durch Abdrucke in der Presse bekannt. 1857 publizierte der Mainzer Anzeiger mit Erlaubnis Ennemosers und seines Verlegers J. J. Tascher einen Teil der Schrift. Als der Rheinhessische Beobachter wenig später ohne Autorisierung Auszüge veröffentlichte, wurde dessen Redakteur Adolph vom Mainzer Bezirksgericht wegen unerlaubten Nachdrucks zu einer Geldstrafe verurteilt.[Anm. 3]

Die Popularität von Ennemosers Schrift war wohl zum großen Teil darauf zurückzuführen, dass der Autor seinen Lesern dringend vor der Auswanderung nach Amerika abriet und dies mit drastischen Beschreibungen seiner negativen Erlebnisse illustrierte. Zu den Lesern gehörten weniger die Auswanderer, die in den meisten Fällen Briefen bereits früher in die USA übersiedelter Verwandte und Freunden größere Glaubwürdigkeit beimaßen als Druckschriften, sondern wohl eher das an Berichten aus Amerika interessierte Bildungsbürgertum, darunter Bürgermeister und Pfarrer, die das Buch erwarben, um ihre Gemeindeangehörigen vor einer unüberlegten Auswanderung zu warnen.

Betrachtet man aus heutiger Sicht Ennemosers Reisebericht, lassen sich folgende Schlussfolgerungen ziehen.

1. Ennemoser beanspruchte in seiner Schrift, die Verhältnisse in den gesamten Vereinigten Staaten kundig darzulegen. Hiervon konnte jedoch nicht die Rede sein. Er kannte lediglich New Orleans aus eigener Anschauung und stützte sich bei seinem Urteil über die weiter nördlich gelegenen Haupteinwanderungsregionen deutscher Einwanderer auf andere Berichte, ohne dass er Quellen angab. Sein Urteil, wonach "das Leben zu New-Orleans [... dem] in den übrigen Staaten und Städten ähnelt [...] wie ein Ei dem andern, wenn es auch in gesundheitlicher Hinsicht gerade nicht überall so schlimm aussieht",[Anm. 4] traf für ein riesiges Land mit verschiedenen Klimazonen wie die USA nicht zu. Er verstieg sich gar zu der abwegigen Bemerkung, es gebe in Nordamerika kein Gebiet, das "man nach echt deutschen Begriffen eine recht gesunde Gegend mit Recht nennen könnte".[Anm. 5]

2. Ennemosers Erfahrungen auf dem beruflichen und gesellschaftlichen Sektor unterschieden sich grundlegend von denen der Masse deutscher Auswanderer. Akademiker hatten es generell schwerer, Fuß zu fassen als Bauern, Handwerker und Tagelöhner, die den Großteil der Immigranten stellten. Eindringlich warnte die 1847 in New Orleans gegründete „Deutsche Gesellschaft zum Schutze deutscher Einwanderer und zur Hülfe nothleidender Deutschen“ in ihren Jahresberichten Akademiker vor der Übersiedlung: „Für Kaufleute, Clerks, Buchhalter, Gelehrte und Künstler, ehemalige Beamte und dergleichen Leute, ist in New Orleans, schon aus klimatischen Rücksichten, durchaus kein günstiges Feld; solche gerathen oftmals in die größte Noth, besonders wenn sie nicht gesonnen sind, irgend eine sich darbietende Arbeit zu ergreifen.“[Anm. 6] Ennemosers Warnungen vor beruflichem Scheitern von Bauern, Arbeitern und Handwerkern waren hingegen zum großen Teil unberechtigt.

3. In den Vorworten der verschiedenen Auflagen hob Ennemoser hervor, dass er uneigennützig Auswanderern Hilfestellung bieten wolle. Zugleich verschwieg er jedoch, dass seine Reise in der Mitte der 1850er Jahre stattfand. Er erwähnt zwar den später ausgebrochenen Amerikanischen Bürgerkieg und gibt in den letzten Auflagen einige Informationen zur Situation nach Kriegsende, die er von seinem Sohn bzw. aus der Presse entnommen haben dürfte. Er stellte jedoch bis zur letzten Auflage des Berichts im Jahr 1871 nicht heraus, dass er diese Informationen aus zweiter Hand erhielt, was nicht gerade zur Glaubwürdigkeit seines Berichts beitrug.

4. Schließlich betonte der Autor mehrfach, er wolle „nur zu sehr übertriebene und lügenhafte Berichte“[Anm. 7] von anderen über Amerika zurechtrücken. Seine Schrift enthält jedoch ebenfalls eine Reihe von Widersprüchen, die dem aufmerksamen Leser auffallen mussten. So beklagte er einerseits die schlechte Qualität der Lebensmittel, beschrieb aber an anderer Stelle Mahlzeiten, die er mit seiner Familie regelmäßig mit großem Genuß einnahm. Weiterhin bedauerte er die fehlende Geselligkeit und Wärme der Amerikaner und berichtete im Anhang seines Buches über einen typischen Tagesablauf, bei dem er viel Zeit mit amerikanischen Bekannten verbrachte.[Anm. 8] Diese und andere Diskrepanzen zeugen davon, dass Ennemosers Bericht über die Lebensverhältnisse in Nordamerika mit Vorsicht zu genießen war.

Ennemosers Reisebericht war, wie dargelegt, aufgrund seiner Einseitigkeit und beschränkten geographischen Perspektive als Informationsgrundlage für potentzielle deutscher Auswanderer ungeeignet. Dennoch stellte er für die zeitgenössische Leserschaft, die keine Übersiedlung plante, aufgrund der Plastizität seiner Sprache eine stellenweise spannende Lektüre dar. Auch der heutige Leser wird die Schrift des Alzeyer Lehrers mit Interesse lesen, da sie anschaulich die Strapazen schildert, die mit der Überfahrt in die Neue Welt verbunden waren, und ein frühes Zeugnis des deutschen Antiamerikanismus darstellt, der bedauerlicherweise bis zum heutigen Tag in Teilen unserer Gesellschaft verbreitet ist.

zum Anhang zu Franz Joseph Ennemoser und seiner Familie

Verfasser: Helmut Schmahl

Redaktionelle Bearbeitung: Yves V. Grossmann

Anmerkungen:

  1. Darmstädter Zeitung Nr. 340/7.12.1856, S. 1781. Zurück
  2. Hiervon ließen sich im Karlsruher Virtuellen Katalog folgende Auflagen nachweisen (Namen der Verleger in Klammern): Kaiserslautern (Tascher) 11856, ebd. 21857 (um Anhang vermehrt), ebd. 41858, ebd. 51859, ebd. 61860, ebd. 71862, ebd. 101865, ebd. 121867, ohne Ort (Selbstverlag) 131868, Wien (Selbstverlag) 151870, ebd. 161871. Zurück
  3. Vgl. Darmstädter Zeitung Nr. 346/14.12.1857, S. 1753. Zurück
  4. Ennemoser, Reise, S. 86. Zurück
  5. Ennemoser, Reise, S. 93. Zurück
  6. Zit. nach Anton Eickhoff: In der Neuen Heimath. Geschichtliche Mittheilungen über die deutschen Einwanderer in allen Theilen der Union. New York 1884, S. 319. Zurück
  7. Ennemoser, Reise, S. 3 (Vorwort zur zweiten Auflage). Zurück
  8. Ennemoser, Reise, S. 113-114; 150-151. Zurück