Die Auswanderung aus Mayen

In der langen Geschichte Mayens spielten Wanderungsbewegungen eine nicht zu unterschätzende Rolle. Nachdem es in den vorangegangenen Jahrhunderten in kurtrierischem Besitz gewesen war, kam es, nach etwa 20-jähriger Zugehörigkeit zu Frankreich, im Rahmen des Wiener Kongresses zu Preußen.

Im für die gesamtdeutsche Auswanderung so bedeutenden 19. Jahrhundert scheint auch in Mayen der Höhepunkt der Auswanderung erreicht worden zu sein. Zunächst war jedoch weniger die Stadt selbst, als vielmehr ihr Umland, von einer großen Auswanderungsbewegung betroffen. Als 1817 nämlich eine Hungersnot ausbrach, wurde Mayen zum Wanderungsziel verarmter Eifelbewohner, die sich teilweise dort niederließen, teilweise aber auch in gewerbereichere Landschaften weiterzogen. Wohl auch aufgrund dieser Entwicklung stieg die Bevölkerungszahl in Mayen stark an; so verdoppelte sich die Bevölkerung in 25 Jahren beinahe (1817: 2600 Einwohner; 1842: 4700 Einwohner). Bis 1856 stieg diese Zahl auf 6000.[Anm. 1] Die Bedeutende Zahl der Zuwanderer ist auch dadurch ersichtlich, dass zugleich wohl auch eine große Zahl von Mayener Bürgern und Zugewanderten nach Amerika aus- bzw. weiterwanderten.[Anm. 2]

Die Zuwanderung scheint in dieser Zeit solche Ausmaße angenommen zu haben, dass zu ihrer Regulierung 1847 ein Bürgereinzugsgeld eingeführt wurde, das jedem Neubürger abverlangte, 30 Reichstaler in die Gemeindekasse zu zahlen. Problematisch war nämlich, dass Mayens Wirtschaft nicht für den Ansturm der Massen gerüstet war, da (noch) kein Gewerbe existierte, das die überschüssigen Arbeiter aufnehmen konnte. Weder die Mühlen- und Fabrikbetriebe entlang der Nette, noch der Basaltlavagrubenbetrieb waren Mitte des 19. Jahrhunderts dafür geeignet.[Anm. 3]

Nach der gescheiterten Revolution von 1848/49 erlebte die Wirtschaft zwar einen Aufschwung, aber erst die Gründung des Deutschen Kaiserreiches und der damit einhergehende Bauboom sorgten für eine großangelegte Veränderung der Mayener Wirtschaftsstruktur, in der sämtliche Betriebe auf die Basaltlavaindustrie zugeschnitten waren. Diese meist mit vorindustriellen Methoden arbeitende ‚Industrie‘ zog wiederum Arbeitskräfte aus dem Umland und dem ganzen Kaiserreich an. So stieg die Einwohnerzahl abermals sprungartig an. Hatte Mayen 1876 6830 Einwohner gehabt, war es 1913 bereits Heimat von 14660 Menschen.[Anm. 4]

Mayen entwickelte sich somit von einem potentiellen Auswanderungs- zu einem Zuwanderungsort. Eine Ausnahme stellte die Zeit des Nationalsozialismus dar, in der die zahlreichen Mayener Juden entweder auswanderten, oder dem Regime zum Opfer fielen. Die Geschichte der jüdischen Gemeinde reichte in Mayen – mit Unterbrechungen – bis ins 14. Jahrhundert zurück. Im 19. Jahrhundert wuchs diese Gemeinde stark an. 1895 beispielsweise lebten 321 Juden in Mayen, die damit in der katholisch geprägten Stadt die Zahl der Protestanten (309) übertrafen. Für diese weitgehend assimilierte Gruppe begann mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten 1933 eine Zeit der Verfolgung und Vernichtung. 1934 lebten noch ca. 225 Juden in Mayen. Viele jedoch sahen in Deutschland keine Zukunft mehr und wanderten aus, wie beispielsweise der letzte jüdische Lehrer in Mayen, Albert Levi, der im Januar 1939 in den USA Zuflucht suchte.   Bis 1941 war die jüdische Gemeinde auf etwa 77 Personen zusammengeschrumpft.  Diese wurden 1942 oder 1943 deportiert und umgebracht.[Anm. 5]             

Verfasser: Christoph Schmieder

 

Verwendete Literatur:

 

  • Heyen, Franz-Josef: Kirchen und Religionsgemeinschaften. In: Geschichte von Mayen, hrsg. von Hans Schüller und Franz-Josef Heyen. Mayen 1991. S. 495-530.
  • Heyen, Franz-Josef: Zwölf Jahre Nationalsozialismus. In: Geschichte von Mayen, hrsg. von Hans Schüller und Franz-Josef Heyen. Mayen 1991. S. 307-334.
  • Prößler, Berthold: Mayen von der französischen Zeit bis zum Ersten Weltkrieg 1794-1918. In: Geschichte von Mayen, hrsg. von Hans Schüller und Franz-Josef Heyen. Mayen 1991. S. 169-238.
  • Stadt Mayen (Hrsg.): Mayen. 675 Jahre Stadt. Mayen 1966.

 

Erstellt: 22.03.13

Anmerkungen:

  1. Vgl. Prößler, S. 179. Zurück
  2. Vgl. 675 Jahre Stadt, S.17. Zurück
  3. Vgl. Prößler, S. 180. Zurück
  4. Vgl. Prößler, S. 192-194. Zurück
  5. Vgl. Heyen, Nationalsozialismus, S. 328-334; Heyen, Kirchen und Religionsgemeinschften, S. 527f. Zurück
 
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